Big Data und die Universität – (wie) passt das zusammen?

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(Foto von mir – der wunderschöne Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien)

 

Was ist passiert?

Big Data und die Diskussion um die Konsequenzen dieser relativ neuen Technik ist allgegenwärtig. Zumeist im Social Media-Kontext gebraucht, wird Big Data oft mit personalisierter Werbung auf Facebook und anderen Plattformen in Verbindung gebracht. So rechnet z.B. Facebook „Gefällt mir“s und andere Einträge zusammen, die schließlich ein Benutzerprofil ergeben, nach dessen Vorgaben zugeschnittene Werbung geschaltet wird. Big Data kann aber noch mehr – und zwar feststellen, wie sich Studierende in ihrem Unialltag schlagen, und wo es unter Umständen Probleme gibt, die bis zum Abbruch des Studiums führen können. Die London South Bank University und die Nottingham Trent University wenden dieses Prinzip bereits an, wie hier im Guardian zu lesen ist.

Was meine ich dazu?

Noch einmal zurück – was genau ist Big Data eigentlich? Es gibt bis dato keine einheitliche Definition, und somit auch keine Eingrenzung des Anwendungsfeldes. Meist werden für die Definition von Big Data die Begriffe „Volume“ (dt. Ausmaß/Umfang), „Velocity“ (dt. Schnelligkeit) und „Variety“ (dt. Vielfältigkeit) genannt, und dass es spezielle Technologie braucht, um die Daten zu analysieren*. Das heißt, der Begriff Big Data bedeutet an sich nur Folgendes: die Datenmengen sind riesig, sie sind schnell wenn nicht sogar unmittelbar verfügbar, und es können sehr viele Datenpunkte auf einmal erfasst werden. Wie das alles genutzt wird und werden kann, das ist nicht festgelegt. Werbung ist eine Möglichkeit, durch die mit Big Data auch noch Geld zu verdienen ist, aber es gibt eben noch andere Anwendungen – wie eben in der Uni.

Aber wie passt Big Data nun in den Unialltag? Nun, es sind an den meisten Universitäten viele Studierende eingeschrieben, die alle eine Menge Datenpunkte liefern können – mit jedem Klick, mit jeder Benutzung einer elektronischen Zugangssperre. Diese Daten können alle zusammen erfasst und z.B. nach Studiengängen ausgewertet werden, und das in fast unmittelbarer Geschwindkeit, in der diese Daten auflaufen. Die London South Bank University schaut sich z.B. nicht nur die Einloggfrequenz im uni-eigenen System an, sondern auch von wo zugegriffen wurde, und welche Inhalte für wie lange angesehen wurden. Die Nottingham Trent University nutzt ein ähnliches System, in welchem z.B. Bibliotheksbesuche erfasst werden, und nach zwei Wochen eine E-Mail an den zuständigen Tutor (meist ein Wissenschaftler aus dem Department des Studierenden) gesendet wird, wenn keinerlei Aktivität im Uni-System stattfindet. Das Ziel ist es, dass der Studienverlauf auf die Gefahr hin analysiert wird, dass der Studierende sein Studium abbrechen könnte – und schließlich rechtzeitig eingegriffen werden kann.

Das klingt doch erst einmal gut – aber tut es das wirklich? Was sagen solche Datenpunkte tatsächlich über die Studienleistung aus? Allein schon, wenn der Studierende eine andere Bibliothek nutzt oder nach Herunterladen der Materialien offline arbeitet, fällt dieses System in sich zusammen. Außerdem können diese Daten nicht messen, inwiefern sich der Studierende mit dem Material auseinandergesetzt und ob er dieses verinnerlicht hat. Vielleicht bekommt der Studierende auch Materialien von seinen Kommilitonen, sodass er sich selbst nur selten einloggt? Davon abgesehen ist diese ständige Datenerfassung auch ein Eingriff in die Privatsphäre. Das Studiensystem muss benutzt werden, es geht kein Weg daran vorbei, um an die Materialien oder Bücher zu kommen, selbst wenn die Verweildauer nur kurz ist. Das heißt, der Studierende muss sich gläsern machen, und ist gezwungen, an der Datensammelei teilzunehmen.

Das ist die Krux von Big Data. Solch ein großer Eingriff in das Arbeitsleben des Studierenden kann helfen – oder als Datenmüllhalde enden, die im Endeffekt nur wenig Aussagekraft hat. Ich selbst halte noch immer viel von Einzelgesprächen, wie über ein Academic Adviser-Programm. Das ist zwar wesentlich zeitaufwendiger als die Datenauswertung, aber ist auf jeden einzelnen Studierenden zugeschnitten. Hier lassen sich Probleme erahnen, und es kann geholfen werden – sofern der Studierende dies will. Die Uni ist keine Schule, in der die Pflicht besteht, ständig anwesend zu sein, oder auch nur den Studiengang zu beenden. Diese Selbstständigkeit, die Freiheit der Entscheidungen sollte erhalten bleiben, und nicht in einem Terror durch die Daten enden.

Fazit

Big Data ist eine faszinierende Sache. Immer mehr Leute sind auf immer mehr Geräten online, und das teilweise sogar rund um die Uhr. Dabei fallen eine Menge Daten an, die alle erfasst und ausgewertet werden können. So auch geschehen z.B. in der London South Bank University, um Studienabbrüchen vorzubeugen. Und wieso auch nicht? Vielleicht gibt die Häufigkeit und Zeit der Einloggvorgänge in das Unisystem tatsächlich Aufschluss darüber, wie gut Studierende mit ihrem Pensum zurechtkommen. Aber vielleicht endet das in einer Datenmüllhalde, die falsche Vorhersagen tätigt und somit Studierende als fälschlicherweise gefährdet einstuft, weil sie nicht wie vorgesehen die Bibliothek benutzt oder die uni-eigene Onlineplattform benutzt haben. Ich möchte Big Data im Studienalltag nicht verteufeln (vor allen Dingen nicht, wenn es tatsächlich helfen kann!), aber wie und zu welchen Zwecken die Datenmengen benutzt werden, das muss genau evaluiert werden.

 

* Wer sich für die genaue Definition in allen Facetten interessiert, wird hier fündig:
De Mauro, Andrea, Marco Greco, und Michele Grimaldi. (2014) What Is Big Data? A Consensual Definition and a Review of Key Research Topics. AIP Conference Proceedings 1644, 97.
Eine kostenlose Pre-print-Fassung findet sich dankenswerterweise auf ResearchGate.

Wer eine unterhaltsame Einführung in das Thema lesen möchte, die nicht an Beispielen spart, ist mit diesem Buch bestens beraten:
Mayer-Schönberger, Viktor, und Kenneth Cukier. (2013) Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird. München: Redline Verlag.

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Warum Workshops zur Hochschullehre so wichtig sind

hochschuldidaktik(Foto von mir)

 

Was ist passiert?

Oh Gott, das erste Mal Lehre. Vierzig Studierende schauen mich an! Was tue ich bloß? Was ist, wenn ich einen Blackout habe? Wie bewerte ich überhaupt? Und, und, und… dies sind alles Dinge, die wohl jedem Nachwuchswissenschaftler oder jeden Nachwuchswissenschaftlerin schon einmal durch den Kopf geschossen sind, wenn er oder sich das erste Mal mit dem Thema „Lehre“ befasst hat. Häufig spielt da das Gefühl des Alleingelassenwerdens mit. Die meisten Doktoranden habe keine pädagogische Ausbildung, aber stehen jetzt trotzdem vor einer Klasse – einer mit Studierenden, aber dennoch einer Klasse – die sie mit großen Augen anblickt und auf die Erleuchtung wartet.

Was meine ich dazu?

Auch ich hatte diese Gedanken. Aber allein gelassen fühlte ich mich nicht, denn an meiner Universität werden viele Workshops angeboten, die sich mit einzelnen Elementen der Lehre beschäftigen. Diese gehen je nach Thema über nur zwei Stunden, oder sogar über mehrere Wochenenden. Die Inhalte sind weit gefächert: von der Gestaltung einer Prüfung wie zur eigenen Haltung in schwierigen Situationen ist alles dabei. Ich war schon so manches Mal dankbar, dass ich einige dieser Workshops besucht habe. Jetzt weiß ich nämlich zum Beispiel, wie ich über das Standard-Evaluationsblatt der Universität effektiv meine Studierenden zu ihrer Meinung oder ihrem Wissensstand befragen kann, oder wie ich mit Nachfragen umgehe, die ich im ersten Moment nicht beantworten kann. All das sind Fähigkeiten, die eben nicht einfach so vom Himmel fallen, und der Spruch ‚du warst doch selbst einmal Student, da weißt du doch, wie Lehre geht’ hilft nicht. Nein, weiß ich nicht – ich habe auch schon in tollen Restaurants gegessen, würde mir aber nie anmaßen, dass ich genauso gut kochen könnte.

Und genau deshalb finde ich es so wichtig, dass es Kurse für angehende (und natürlich auch fortgeschrittene) Lehrende gibt. Sich vor vierzig Studierende zu stellen und „einfach so“ loszulegen ist nämlich gar nicht so einfach. Die Studierenden wollen lernen, ich will vermitteln – das muss am Ende zusammenpassen, und das möglichst so, dass alle mitgenommen werden und der Kurs Erfolg hat. Von der Universität angebotene Workshops sind eine wunderbare Möglichkeit, sich auf die Lehre vorzubereiten – oder bereits gemachte Erfahrungen in einem geschützten Raum und in einer kleinen Gruppe zur Diskussion zu stellen. Neben dem von den Workshopleitern gegebenen Input habe ich gerade aus den Erfahrungen anderer schon viel lernen können.

Neben dem Grund, dass eine bessere Didaktik die Lehre wesentlich besser machen kann, ist auch wichtig, dass man sich schützen muss. Erst einmal vor der Anfechtung von Prüfungen; durch ein vorher festgelegtes und transparentes Kriterienraster kann man genau belegen, warum man so und nicht anders bewertet hat. Ich finde, dass das große Sicherheit gibt. Natürlich laufen nicht alle Studierenden nach der Notenbekanntgabe zum Prüfungsamt, aber eine für alle nachvollziehbare Bewertung hilft auch denen, die es nicht tun. Warum haben sie dies oder jedes falsch gemacht? Durch die Bewertung wird es ersichtlich. Auch andersherum wird ein Schuh draus: meistens wird durch vorher strikt festgelegte Kriterien klarer, was überhaupt gefragt wird. Auch dies ist ein Schutz, nämlich vor der eigenen Überarbeitung. Im Falle der Prüfungsgestaltung lässt sich sagen, dass sich die Arbeit, die man vorher in die Klausurerstellung gestellt hat, hinterher auszahlt, da sich die Klausur nach genau diesem Raster korrigieren lässt. Und auch für den Prüfling gibt es Vorteile, denn es ist meiner Meinung nach verständlicher, in der Prüfung z.B. fünf Merkmale eines bestimmten politischen Systems zu definieren, als eine schwammige Frage über eben dieses System zu beantworten. Auch mich als Lehrenden werden die folgenden Antworten glücklicher machen, denn eine präzise gestellte Frage lässt sich einfacher korrigieren. Dies gilt auch für Essayfragen, die durch Präzision nicht an Qualität verlieren. Dies ist nur ein Beispiel. Schutz vor der eigenen Überarbeitung können auch Tipps zum Umgang mit Störungen in der Lehre bieten, oder generelle Tipps, wie man die Vorbereitungen nicht ausufern lässt.

Fazit

Erfahrungsaustausch, Input zu häufig Auftretenden Situationen, Muster für Prüfungen – all das hilft, den Alltag als Doktoranden besser bewältigen zu können. Ich arbeite effizienter, und teile mir meine Kräfte besser ein. Die Lehre ist eine große Aufgabe, der ich mich gern stelle – aber ich habe großen Respekt davor. Ich möchte nicht, dass meine Studierenden meine Kurse als Zeitverschwendung ansehen. Ich behaupte, dass die Workshops mir dabei geholfen haben, so zu unterrichten, dass es allen Seiten Freude macht und zum Lernen anregt.

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„Schreiben kann doch jeder!“ – Ach, wirklich?

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(Foto von mir)


Was ist passiert?

In einer Fortbildung an meiner Universität habe ich mich mit einem Thema auseinandergesetzt, dass zumindest in meinem Studium immer als selbstverständlich hingenommen wurde: das Schreiben. Darüber musste niemand reden – jeder kann schreiben, kann Buchstaben zu Wörtern und Sätzen zusammensetzen, und kann somit auch Hausarbeiten und lange Abschlussarbeiten verfassen. So schien zumindest immer die Auffassung zu sein, denn ich habe als Studierende immer frei nach dem System „try and error“ gearbeitet – das ging, je nach Thema, mal schneller, mal langsamer, mal besser, mal schlechter. Ich habe eben einfach geschrieben.

Aber muss man die Studierenden damit wirklich allein lassen? Gehört das wirklich zu dem täglichen „Uni-Kampf“ dazu, dass man sich durch Hausarbeiten und Essays quält, weil „das eben so ist“? Die Fortbildung namens „Haus-/Bachelor-/Abschlussarbeiten betreuen“ an der Leuphana Universität Lüneburg, geleitet von Prof. Ingrid Scharlau und Christiane Heß, hat mir gezeigt, dass das auch ganz anders sein kann.

Was meine ich dazu?

Ich selbst habe keine Probleme mit dem Schreiben. Keine Blockaden, keine Angst vor dem weißen Blatt. Woran das liegt? Darüber habe ich mir erst in dieser Fortbildung Gedanken gemacht. Ich habe zwar nie einen Kurs besucht, in dem mir Techniken des Schreibens näher gebracht wurden, aber ich hatte vor allem während meines Masters gutes Training; an der London School of Economics and Political Science musste ich ständig kleinere Dinge schreiben: Essays von gut fünf Seiten, kleinere Meinungstextchen von wenigen hundert Wörtern, und so weiter. Ein hartes Brot, könnte man sagen, und sicherlich nicht für jeden etwas. Das muss doch auch mit weniger Druck gehen.

Und dass das möglich ist, habe ich an drei Wochenenden in einem Workshop für Doktoranden gelernt. Das erste Wochenende ging mit schreibdidaktischer Theorie und Psychologie los, und nach und nach haben wir uns durch den Schreibprozess gearbeitet. Für die Planungsphase haben wir uns um verschiedene Methoden, wie Mindmapping und Clustering, gekümmert, und unsere eigene Schreibgewohnheiten und –prozesse analysiert. Der nächste Schritt war die Schreibphase selbst, und Themen wie Schreibblockaden und das strategische Vorgehen beim Verfassen einer Arbeit standen im Vordergrund. Der letzte Block drehte sich um Feedbackgeben. Gerade für uns Dozenten besonders wichtig! Wie man „gutes“ Feedback gibt, das ist keine selbstverständliche Sache.

Für alle Schritte haben wir die Übungen selbst ausprobiert, und häufig dann auch in der Gruppe diskutiert. Die Übungen waren ganz unterschiedlich – wie ein „Schreibgespräch“ mit mehreren, in denen z.B. die Frage „Was stört mich beim Schreiben?“ (natürlich nur mit dem Stift, und nicht mit der Stimme) erörtert wurde, oder das Erfinden eines Märchens zu einer vorgegeben Situation, es war eine Menge dabei. Dieses Vorgehen fand ich besonders wichtig – auch, wenn es im ersten Moment Überwindung gekostet hat, „diesen Kram“ selbst auszuprobieren, weiß ich nun genau, wie die Übungen wirken – einmal auf mich, und die Gruppendiskussion weiß ich auch, wie es anderen geht. Dadurch werde ich mich besser in die Studierenden hineinversetzen können, da bin ich mir sicher.

Was steht also in Zukunft an? Ich werde meinen eigenen Schreib-Workshop durchführen, und dann den Erfolg (oder Misserfolg) der einzelnen Übungen und Techniken selbst testen können. Ich bin gespannt – und nun überzeugt, dass man die Studierenden mit ihren (Schreib-) Sorgen nicht alleine lassen muss. Vor allen Dingen, wenn die Sache relativ einfach sein kann – ich hätte nie gedacht, dass die Übung „Freewriting“ (in z.B. fünf Minuten zu einem Thema nur schreiben, egal, was einem dazu in den Kopf kommt, der Stift darf aber nicht abgesetzt werden) wirklich hilft. Aber – auch und gerade als Doktorandin kann und soll man immer noch etwas Neues lernen!

Fazit

Warum habe ich das Seminar eigentlich besucht, wenn ich selber diese typischen Probleme und Sorgen nicht habe? Ganz einfach: weil ich sie nicht kenne, fällt es mir nicht leicht, in diesem Feld Tipps zu geben. Ich kann meine eigenen Techniken nennen, aber die liegen nicht jedem. Und diese laufen bei mir mittlerweile so automatisiert ab, dass ich bei meinen Erklärungen bestimmt auch noch eine Menge vergesse. Also, rein in die Fortbildung, und wie oben schon beschrieben, ich habe eine Menge gelernt. Jetzt werde ich besser Rat geben können – gerade jetzt, da sich das Semester so langsam wieder dem Ende neigt und die Hausarbeiten für die Studierenden in gar nicht mehr so weiter Ferne liegen. Und für meine eigene Dissertation  habe ich jetzt „ganz nebenbei“ auch noch ein paar Tricks in petto…

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Allein an der Uni?! – ein Plädoyer für den „Academic Adviser“

(Foto von mir)


„In allen Fächern soll ein umfassendes Betreuungs- und Beratungssystem aufgebaut werden, um es Studierenden zu erleichtern, sich in der Studieneingangsphase auf die Modalitäten eines Universitätsstudiums einzustellen. Zudem soll es vor unnötigen Verzögerungen und Fehlentscheidungen beim Wechsel vom Bachelor zum Master
und vom Master in den Beruf (oder die Promotionsphase) bewahren.“
(Universität Siegen 2012)

 

Was ist passiert?

Die Frage lautet eher, was passiert jeden Tag? Oder besser, was passiert jeden Tag an deutschen Universitäten nicht?

Gute Betreuung, zumindest in vielen Fällen nicht. Es ist kein Geld da, keine Zeit für erweiterte Sprechstunden, und im schlimmsten Fall ist der Professor selbst nie in seinem Büro zu finden.

Da bleibt der Studierende auf der Strecke. Die einen boxen sich so durch, andere geben auf. Und wenn man sich die Statistiken (oder als Studierender selbst den Schwund im ersten Semester) ansieht, geben viel zu viele auf.

Was meine ich dazu?

Das Studium soll etwas sein, das Selbstständigkeit verlangt. Etwas, das nicht genau wie die Schule zuvor auf ständige Kontrolle setzt. Ein Ort der Freiheit, den Dingen nachzugehen, die man lernen möchte.

Ja, dem stimme ich zu. Und ich behaupte, dass all das auch zu Zeiten von Bologna möglich ist. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogeintrags.

Nein, es liegt mir am Herzen, dass all das, was in „die Universität“ hineinprojiziert wird, bei so einigen der Studierenden nicht Freude oder ähnliche Gefühle hervorruft, sondern erst einmal nur Angst. Ein latentes Gefühl der Überforderung, viel zu viel oder viel zu wenig zu machen, nicht zu wissen, ob man wirklich mitkommt, wo man steht, was man kann.

Das ändert sich entweder im Laufe des Studiums durch harte Arbeit an sich selbst und hoffentlich durch ein Netz von Kommilitonen, die sich gegenseitig bei der Bekämpfung dieser Zweifel helfen. Oder es ändert sich eben nicht. Was ist die Folge? Ein frustrierter Studierender, der Freude an seinem selbstgewählten Fach verliert und entweder selbst die Reißleine zieht, oder schließlich von der Universität nach nicht bestandenen Prüfungen exmatrikuliert wird.

Mir scheint es, als werde das alles als ein Naturgesetz an deutschen Universitäten wahrgenommen. Friss oder stirb; wenn du zu schwach bist, fliegst du.

Wie kann man dem entgegen wirken? Ich habe während meiner Studienzeit in England gesehen, dass es gar keinen großen Aufwand braucht, die Studierenden im Auge zu behalten. So habe ich zu Beginn meiner Masterprogramms einen „academic adviser“ zugeteilt bekommen, einen Dozenten aus meinem Department. Dieser Dozent, der außer mir vielleicht noch neun bis zehn weitere Schützlinge hatte, hat mich durch das akademische Jahr geführt – und hat auf mich geachtet.

Einmal durch das Erledigen von Formalia. Ich wurde gebeten, meine Kurswahl mit ihm abzusprechen, und sollte einen kurzen Selbsteinschätzungstest zu meinem Vorwissen aus dem Bachelor vorlegen, den er sich hinterher angesehen hat, und an welchem er meinen Kenntnissstand ablesen und mir dann entsprechende nächste Schritte empfehlen konnte.

Aber es waren nicht die formellen Dinge, die mir geholfen haben. Es waren die Gespräche, die ich mit meinem academic adviser geführt habe – meist über meinen akademischen Fortschritt, über meine Kurse, irgendwann über das Thema meiner Masterarbeit, aber auch über Gott und die Welt. Einmal in die Sprechstunde gehen, und ich hatte das Gefühl, dass es im Studium in die richtige Richtung geht.

Kurzum: ich hatte jemanden, von dem ich wusste, er würde mir helfen, würde es Probleme geben. Ich hatte neben meinen Kommilitonen auch jemanden „Innen“, der die Gepflogenheiten der Universität besser kannte, und der mir außerdem noch immer schnell auf E-Mails geantwortet hat.

Und ja, das kostet Zeit, vor allen Dingen Sprechstundenzeit. Es hört sich nach Schule an, nach einer ständig wiederkehrenden Prüfung. Ich habe das nicht so wahrgenommen. Ich denke, dass regelmäßige Gespräch helfen kann, jemanden auf der Spur zu halten, d.h. mögliche Probleme früh zu erkennen. Eben bevor es zu spät ist, bevor sich viel zu viel Stoff aufgetürmt, der nicht mehr einzuholen ist, und bevor der Studierende schließlich die Universität verlässt.

Ich meine gelesen zu haben, dass ein Drittel der Studienanfänger die Universität ohne Abschluss verlässt – was ist das für eine riesige Zahl! Wie kann das sein?! Da hilft es im Übrigen auch gar nicht, wenn schon in der Einführungswoche gesagt wird, dass über die Hälfte es eh nicht schaffen wird, und wenn ja, dass man mit einem Bachelor eh keinen Job bekommt. Meiner Meinung nach ist es schlimm, sich mit solchen Aussagen regelrecht zu rühmen – es ist eher ein Armutszeugnis für die Lehre.

Und das ist der Knackpunkt – Forschung und Lehre gehören zusammen. Wenn jemand nur forschen will, ist er meiner Meinung nach an einer Universität falsch. Die Lehre muss einen hohen Stellenwert haben, denn nur so wird u.a. Nachwuchs herangezogen.

Das Konzept der „academic adviser“, wie es sie z.B. in Großbritannien gibt, kann auch dabei helfen. Denn wie sollen der Professor oder auch andere Dozenten jemals ihren potentiellen akademischen Nachwuchs kennenlernen, wenn sie ihn nie zu Gesicht bekommen?

Es freut mich, wenn ich sehe, dass einige Universitäten sich daran probieren. Die Universität Siegen zum Beispiel, die sehr umfassend an die Sache herangeht, oder auch die Leuphana Universität Lüneburg, wo die Studierenden auf freiwilliger Basis an einem solchen Programm teilnehmen können.

Hilfe eines Dozenten in Anspruch zu nehmen mindert nicht die eigene Selbstständigkeit, und ist nicht mit Kontrolle gleichzusetzen. Sie macht nur das Leben leichter.

Fazit

Woran liegt es, dass so viele Studierende ihr Studium abbrechen? An einer Falscheinschätzung der eigenen Fähigkeiten vielleicht, an Unglück außerhalb der Uni, an was auch immer. Ich denke, dass es auch an fehlender Betreuung liegt.

Ein „academic adviser“ für jeden Studierenden könnte dieses Problem mindern. Ein Dozent, mit dem man sich ungefähr zweimal im Semester trifft, bei Bedarf auch mehr, und dem man erzählt, „was denn die Uni so macht“. Da würde meines Erachtens schnell durchklingen, wie es dem Studierenden geht, und das kann der Dozent dann auffangen. Unbürokratisch, schnell, und lange, lange vor der Exmatrikulation.

Das kostet Zeit und Geld – könnte aber so manchen Studierenden mehr als nur aus der Patsche helfen.

 

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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Happy Birthday, Bachelor und Master: Warum es Grund zum Feiern gibt

(Foto von mir)

Was ist passiert?

Die Sommerpause des Blogs ist vorbei – also, gleich wieder ran an ein bisschen Politik.

Die Diskussion um die Studienabschlusskrieg „Bachelor/Master vs. Diplom“ ist ja bereits seit gut zehn Jahren in Gange, seitdem die Reform beschlossen wurde. Aber was ist heute daraus geworden? Haben die neuen (und mittlerweile in Deutschland weitgehend eingeführten) Studienabschlüsse Erfolg? Haben sie Akzeptanz gefunden, sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Studierenden?

Die Antwort lautet: jein. Es gibt viele Befürworter, und gefühlt noch viel mehr Gegner, sogar der Direktor der Hochschulrektorenkonferenz poltert munter vor sich hin. Aber es ist nun einmal, was es ist – und hier kommt meine Meinung dazu. Denn jeder scheint eine Meinung dazu zu haben – egal, ob er oder sie jemals direkt mit dem neuen System in Berührung gekommen ist, oder eben nicht. Das Herbeirufen des „Untergangs des Abendlandes“ ist da häufig nicht weit – und dagegen möchte ich nun mit meinen eigenen Erfahrungen angehen.  Das ist natürlich nicht objektiv (wie es all die anderen Meinungen auch nicht sind), sondern eine ganz persönliche Geschichte.

Und Überraschung: es gibt für mich ein positives Fazit.

Was meine ich dazu?

Meinungen zum Bachelor/Master-System bekommt man ungefragt allerorten, selbst dort, wo man es thematisch nicht vermutet. Andauernd auf dieses Thema zurückkommende Diskussionen im Spiegel-Online-Forum, um nur einen einzigen Schauplatz der vielen Kämpfe zu nennen, sind ein gutes Beispiel dafür. Denn dort wird häufig alles Übel in der deutschen Hochschullandschaft auf die neuen Abschlüsse zurückgeführt, ob es thematisch nun passt oder nicht.

Aber warum? Zunächst einmal sind das häufig sehr persönliche Einschätzungen. Man hört von den Alt-Diplomern und diejenigen, die im neuen System studieren. Die Alt-Diplomer beklagen sich, dass „früher“ generell alles besser war. Und die Bachelorabsolventen? Die stimmen häufig auch noch zu!

Ich selbst habe gerne im Bachelor/Master-System Politikwissenschaft studiert. Und – Überraschung – ich bin sehr gut damit gefahren.

Hier ein paar Antworten drei ausgewählte Vorwürfe, die häufig in den Raum geworfen werden:

1. „Die Strukturen engen viel zu sehr ein“
Ich mochte die Struktur, die das Studium sowohl im Bachelor, als auch im Master vorgegeben hat – ich habe mich nie eingeengt gefühlt, sondern hatte das Gefühl, einen breiten Überblick zu bekommen, ehe ich mich auf meine Lieblingsthemen gestürzt habe. Die vielen Kurse zu z.B. Methoden haben vielleicht nicht immer Spaß gemacht, aber genau diese Kenntnisse sind für mich heute unabdingbar. Also, Struktur muss nicht unbedingt etwas schlechtes sein. Denn auch wenn ich mich später auf die Europäische Union spezialisiert habe, so wäre das alles nur wenig sinnvoll ohne Kenntnisse zur Wirtschaftspolitik, zum Parlamentarismus und politischen Systemen, oder zu den Theorien der Internationalen Beziehungen.
Also: Struktur kann helfen, um an (u.U. wenig geliebtes) Basiswissen zu kommen.

2. „Im Bachelor bleibt keine Zeit für’s Ausland“
Jein. Auch ich habe so gedacht, das aber nie als Nachteil gesehen. Denn ich habe mir sehr früh vorgenommen, den Bachelor in Deutschland fertigzumachen, und dann für den Master ins Ausland zu gehen. Und so ist es gekommen – das Gute dabei war, dass ich das neue Hochschulsystem in seiner Gänze kennengelernt habe, mit den „richtigen“ Prüfungen und Anforderungen, und am Ende eben auch mit einem Zeugnis dieser Uni. Die Anerkennung meines sechssemestrigen Bachelors lief reibungslos, und mit dem Wissen, das ich in diesem erworben hatte, konnte ich ohne Probleme mithalten. Das Austauschprogramm Erasmus hätte es übrigens in meinem Fachbereich ohne Probleme mit Anerkennung von Leistungen gegeben, wenn ich das gewollt hätte.
Also: Es bleibt Zeit für’s Ausland, aber sie muss geplant werden – egal, ob nun für einen ganzen Studiengang oder für Erasmus.

3. „Ihr Bachelors und Masters lernt ja alle eh nichts“
Um einen meiner damaligen Dozenten zu zitieren: „Studium ist, was ihr draus macht – und das gilt besonders im Bachelor und Master“. Niemand kommt an der Uni und macht einem den Stundenplan, bringt einen zu den Räumen oder Ähnliches. Studium heißt selbstständig sein, und wer das war, konnte sich, zumindest bei mir (da wären wir wieder bei den persönlichen Erfahrungen) gut durchschlagen. Aber das bedeutete Aufwand. So konnte ich Kurse belegen, die eigentlich außerhalb meiner Wahlmöglichkeiten lagen, da im Master angesiedelt – aber zwei E-Mails haben das geklärt, und ich war drin, und das ist nur ein Beispiel. Ansonsten kommt es natürlich auf das Programm an, das man studiert, und auch hier gilt: vorher informieren, das beugt Enttäuschungen vor.
Also: ich habe eine Menge gelernt – durch Eigeninitative.

Fazit

Wenn alle ihre persönlichen Erfahrungen zum „neuen“ System auspacken, dann darf ich das auch. Und was habe ich vorgefunden? Ein für mich absolut „studierbaren“ Studiengang, der mich perfekt auf die Anforderungen der folgenden Schritte, Master und Promotion and anderen Unis, vorbereitet hat. Ich konnte nach dem Bachelor bequem die Uni wechseln, und genau das weiterstudieren, was ich wollte. Das war und ist mir wichtig.

Das ist natürlich nicht überall so, jeder Studiengang ist anders. Aber dennoch hilft es manchmal, nicht nur zu meckern, sondern das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen… bevor man das gesamte System verteufelt.

Kurzum: Ich habe das Diplom nie kennengelernt – und ich vermisse nichts.


Worauf stützt sich dieser Blogpost?

  • – eigene Erfahrungen und häufige Lektüre der Spiegel-Online-Kommentare in der Unispiegel-Sektion

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