Wenn die Politik wie der Sport wäre…

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Die Medien sind voll davon: die FIFA sei eine Mafia, Sepp Blatter korrupt – die Vorwürfe sind nicht neu, aber die Intensität der Berichterstattung nimmt über die Tage eher zu als ab. Warum regt dieser Fall eigentlich so auf, der eigentlich nur einen Nischenverband betrifft? Man kann ohne Umschweife festzustellen, dass Sport kein Randphänomen ist, und Fußball erst recht nicht. Jeder scheint eine Meinung zu Sportarten und deren Mannschaften, Tabellenplätzen und Spielständen zu haben, und das nicht nur während der großen Turniere. Die Titelseiten der Zeitungen sind voll davon, ob nun eben zu Sepp Blatter oder dem Abstiegskampf der in der Fußball-Bundesliga in den letzten Wochen. Die Aufregung ist groß – und die Politik muss sich unterordnen, muss mit den darauffolgenden Zeitungsseiten vorlieb nehmen.

Aber warum ist Sport so prominent – und Politik nicht? Hierzu ein paar Gedanken:

Sport verbindet über alle Grenzen hinweg – nur das (lokale) Team zählt

Der Sportverein, ob nun lokal angesiedelt oder nicht, bietet eine vorgefertigte Identität, einen Zusammenhalt, der alle Mitglieder und Fans umfasst. Hierbei fallen Unterschiede nicht ins Gewicht, auch die Gesellschaftsschicht und die Religion, solange nur das „richtige“ Team unterstützt wird. Hierbei müssen die Nationalmannschaften im ersten Zugriff ausgenommen werden. Gerade bei den großen Turnieren wie der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft kommt es zu einer Art weichem Nationalismus, der auch in Deutschland spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 weitgehend anerkannt wird. Aber auch hier ist zu beobachten, wie während eines Turniers und darüber hinaus nicht nur die eigene Nationalmannschaft unterstützt wird, sondern auch fremde Mannschaften. In diesem Phänomen zeigt sich, dass die Wahl eines favorisierten Teams durchaus über der nationalen Zugehörigkeit stehen kann. Gerade bei großer Popularität kann dies der Fall sein – wie bei der deutschen Fußballnationalmannschaft nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014. Verbinden Parteien über soziale und religiöse Grenzen hinweg? Trotz aller Versuche, vor allen von den großen Parteien, gibt es gerade dort noch viele Grenzen, die von den Parteien nicht überwunden werden. Im Gegenteil, wenn Parteien sich nur auf eine Religion oder ähnliches beziehen. Inhaltliche Abgrenzungen sollen natürlich sein und sind auch nötig, aber hier geht es um das Potential, Zusammenhalt über die Programmpunkte hinweg zu schaffen. Das führt zum nächsten Punkt:

Sportliche Verbindungen halten über Generationen

Die Prozesse könnten im Sport und in der Politik ähnlich sein: Man wird in eine Familie hineingeboren, die seit Jahren oder bereits Generationen einen bestimmten Sportverein oder eine bestimmte Partei unterstützt. Das Kind wächst in diese Verbindung hinein, und verinnerlicht diese Identität ebenfalls. Oder – das wäre dann das, mit einem Augenwinkern gemeinte, schwarze Schaf der Familie – das Kind sympathisiert für einen anderen Verein oder eine Partei, vielleicht sogar für die Rivalen. Diese Prozesse sind im Sport noch heute so – aber verhält es sich mit politischen Verbindungen? Diese Prozesse waren noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch im Zuge von politischen Verbindungen zu sehen, sodass eine Familie bzw. das soziale Umfeld häufig an der Wahlurne ihr Kreuz an der gleichen Stelle machte, und sich so auch politisch einordnete. Dieses Phänomen ist seit den 70ern und 80er Jahren in Auflösung begriffen. Das Wechselwählertum ist zur Normalität geworden, und Parteien werden in Wahlen immer häufiger anhand einzelner Programmpunkte bewertet, und nicht in der Gesamtschau als Vertretung von bestimmten Werten. Der Wechsel der bevorzugten Partei von Wahl zu Wahl ist nicht selten. Mit dem Lieblingsverein passiert so etwas in der Regel nicht.

Wenn Politik also wie Sport wäre…?

Ist Sport nun spannender als Politik? Beständiger? Sogar wichtiger? Nein, ist er nicht – aber die Politik verliert in der Medienberichterstattung gegen den Sport, und somit in der öffentlichen Wahrnehmung. Wichtig ist, dass gerade der Fußball und andere große Sportarten eine Inszenierung in den Medien erfahren. Jede Tageszeitung hat einen nicht kleinen Sportteil, und Interviews mit den „Helden“ – egal ob nun aus der höchsten Spielklasse oder der Region – sind an der Tagesordnung. Was ist aber mit der Politik? Mit der Regierung, dem Parlament, den Abgeordneten, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch im Lokalen?

Um es kurz zu machen: wenn Politik wie Sport wäre, dann hätte sie eine Menge ihrer akuten Probleme nicht. Sie wäre in aller Munde, würde in den Medien große Beachtung finden, und ihre Köpfe wären überall bekannt – allein schon, weil Pressekonferenzen von einer großen Anzahl Leute verfolgt werden würden. Diskussionen würden nicht nur in Gemeindesälen, sondern allerorten und ohne Unterlass stattfinden. Die allseits attestierte Politikverdrossenheit wäre dann wohl kein Thema mehr.

Aber da ist noch etwas anderes, das es zu beachten gilt: wäre sie Politik wie der Sport, dann gäbe es keine Bewegung im Parteiensystem, und neue Strömungen würden es schwer haben, Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch mit einer Verflachung der politischen Inhalte wäre wohl zu rechnen. Außerdem sind die Gegebenheiten im Sport nicht immer positiv. Aus gemeinsamer Identität kann eine Feindschaft gegenüber anderen entstehen, die sich nicht mehr friedlich und eben sportlich äußert; Beispiele hierfür gibt es genug.

Eins ist aber sicher: dass man über Politik nicht so viel berichten kann wie über Sport, das ist nicht wahr. Auch nicht, dass es uninteressant wäre, über andauernde Prozesse, wie ein Gesetzgebungsverfahren, zu berichten – immerhin schaffen es die Sportjournalisten, immer etwas zu schreiben, ohne dass in vielen Fällen etwas Bahnbrechendes passiert wäre. Jeden Tag, sogar in den Spielpausen. Und das wird gelesen, gesehen, und gehört.

Ich bin ja immer eine große Verfechterin der politischen Öffentlichkeitsarbeit auf allen Kanälen – aber dass sie nicht so werden kann wie die Sportberichterstattung, das ist klar. Die politischen Inhalte sind anders, vor allen Dingen nur selten emotionalisierend. Aber sie haben das Potential dazu, (wieder) über alle Schichten und Zusammenhänge hinweg identitätsstiftend zu wirken. Der Schlüssel dazu ist meiner Meinung nach eine gute Öffentlichkeitsarbeit, nicht nur vom Bund ausgehend, sondern auch in den Kommunen. Politik ist mehr als nur der Bundestag, so wie Sport mehr als nur die höchste Spielklasse ist. Politische Identität fängt auf der lokalen Ebene an, wo die Entscheidungen des Gemeinderats oft direkten Bezug auf das tägliche Leben haben, und wenn es sich nur darin äußert, welche Buslinien durch welche Straßen fahren. Hier gilt es, anzusetzen – und dann für die Politik auf Landes- und Bundesebene zu begeistern. Es ist zwar interessant zu wissen, welche Transfers von einem Verein zum anderes es geben soll – aber was berührt mehr als die Politik unseres Landes? Eben.



Bonus

Dazu habe ich übrigens noch einen Tipp für ein großartiges Buch, das sich mit dem Thema Sport und Politik auseinandersetzt. Reinlesen lohnt sich!:
Markovits, Andrei S./Rensmann, Lars (2007): Querpass. Sport und Politik in Europa und den USA. Göttingen: Verlag Die Werkstatt.

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Der Bundestag beim Shoppen

bundestag1klein(Foto von mir)

 

Große Freude beim vorweihnachtlichen Shoppen: im örtlichen Einkaufszentrum hatte ein Stand der Kommunikationsabteilung des Deutschens Bundestages seine Plakatwände aufgeschlagen. Für mich, die ich mich mit der Kommunikation von Parlamenten und seinen Mitgliedern beschäftige, eine prima Gelegenheit, mir das einmal genauer anzusehen.

Leider war ich in diesem vollen Einkaufszentrum die einzige weit und breit, die sich für die Informationen über den Deutschen Bundestag interessierte. An sich ist das nichts Ungewöhnliches, aber dennoch war es sehr schade. Die Mitarbeiter waren sehr hilfsbereit, aber leider mehr damit beschäftigt, Einkaufschips und andere Devotionalien hinzulegen, als Fragen zu beantworten. Die Leute hasteten vorbei, und blieben nur sehr kurz stehen. Da war es nämlich wie immer und überall: den Stoffbeutel nehmen die Leute fast schon verschämt mit, der Rest ist kaum von Interesse.

Aber woran liegt es? Darüber wurde schon eine Menge geschrieben, und meine eigene Erkenntnis bleibt nach Anschauung ähnlich: die ganze Ausstellung ist voll von Text, sehr viel Text, dazu noch klein geschrieben, und allein die große Menge – es waren nicht wenige Plakatwände, die von beiden Seiten beschriftet waren – lädt nicht zum Verweilen ein. Schon gar nicht einem Einkaufszentrum, in dem man nun wahrlich andere Dinge zu tun hat. Plakate mit diesen Eigenschaften sind schon in Museumsausstellungen ermüdend, aber für die Politik umso mehr. Natürlich ist es z.B. wichtig zu zeigen, wie ein Gesetz verabschiedet wird – aber ohne ein konkretes Beispiel ist dies wenig plastisch, schon gar nicht bei den vielen möglichen Wegen, die ein Gesetz durchlaufen kann. Auch die allgemeinen Funktionen eines Parlaments sollte man kennen und daher in solch einer Ausstellung darstellen – pikanterweise fehlte die „Kommunikationsfunktion“ auf den Plakaten. Das fand ich besonders schade, immerhin ist bei all den anderen Funktionen eines Parlaments die Beziehung zum Wähler besonders wichtig – selbst wenn dieser sich nur für die (zugegebenermaßen schönen) Stoffbeutel interessiert.

Wie lässt sich der Wähler interessieren? Ich möchte ja nicht alles schlecht reden, denn allein die Existenz dieser Wanderausstellung gefällt mir sehr. Auch die Idee, mit ihr zum Bürger zu kommen, und sich nicht in anderen Ausstellungen zu verstecken, und somit wieder nur von Leuten angesehen zu werden, die sich eh schon für Politik erwärmen können. Es geht mir also nicht darum, dass Plakatwände zur Politik in Einkaufszentren generell fehl am Platz sind, im Gegenteil. Aber gerade wenn die Leute wenig Zeit haben und viele Tüten zu tragen haben, fehlt die Muße, sich das alles durchzulesen. Ich als Internet-Doktorandin bin natürlich vorbelastet, aber eine interaktivere Ausstellung würde sich meines Erachtens durchaus anbieten. Mit einem Konzept, in dem der arglose Bürger nicht mit einer Masse an Informationen erschlagen wird, sondern sich aussuchen kann, was er sich ansehen möchte (also einem Stand aus der Industrie nicht unähnlich, um klarere Worte zu finden.). Das große Ganze ist wichtig, na klar, und das politische System lässt sich nicht in Häppchen erfassen, höre ich jetzt schon – aber lieber in Häppchen als gar nicht. Das mag zynisch klingen, aber lieber wenige Informationen an den Mann bringen als gar keine. Aber hier greift bestimmt wieder das allgegenwärtige Kostenargument – interaktiv ist zu teuer, und so weiter, und so fort. Aber wie viel sollten solche Anstrengungen wert sein?

Zusammengefasst konnte ich an dieser kleinen Ausstellung mal wieder sehen, dass Kommunikation mit dem Wähler bitter nötig ist, Aber leider ist das Interesse gering – ich stand lange genug zwischen den Plakatwänden, um das beurteilen zu können. Schade – ich hoffe auf neuere Konzepte. Ein bisschen mehr Technik darf es dann schon sein… man wird ja wohl noch ein bisschen träumen dürfen, oder?

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Europawahl 2014: Heute wählen gehen!

epwahl(Foto von mir; Parlamentarium in Brüssel)


Noch ist Zeit, und es gibt viele gute Gründe, und das ganz unabhängig von der Partei, für die das Kreuzchen gemacht wird.

1) Sein Recht auf Mitbestimmung nutzen!

Ganz allgemein, aber dennoch wichtig. Eine Wahl ist immer eine Chance, etwas zu verändern – oder etwas zu lassen, wie es eben ist. Aber die eigene Stimme zu verschwenden, das bringt gar nichts, und ist auch kein Protest. Wer verändern will, wählt die Partei, die ihn oder sie am meisten anspricht, und bleibt nicht einfach zu Hause. Auch „ich weiß aber nichts über die Parteien“ ist keine Ausrede. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu informieren, nicht zuletzt mit dem Wahl-O-Maten, der die Wahl-Entscheidung erleichtern kann. Das Internet ist voll von Entscheidungshilfen, und die eine oder andere Tageszeitung hat sich in den letzten Wochen zum Thema Europaberichterstattung auch nicht lumpen lassen.

2) Das Europäische Parlament ist das einzige direkt gewählte EU-Organ!

… das ist doch ein guter Grund, zur Wahl zu gehen, nicht wahr? Wenn die Europäische Union wirklich so ein Bürokratiemonster sein sollte, ist hier der einzige Ansatzpunkt, um etwas zu verändern. Das Europäische Parlament ist die Anlaufstelle für die Bürger, immerhin sind die Abgeordneten direkt gewählt. Diese sind es auch, die angeschrieben werden können, oder die zu Veranstaltungen in ihren Regionen kommen. Nein, die Abgeordneten verschwinden nicht nur in Brüssel und Straßburg, sie sind auch vor Ort. Augen auf! Die anderen Gremien, wie die Kommission, werden alle anderweitig bestimmt. Das Europäische Parlament aber nicht, und daher ist es eine der wenigen Möglichkeiten, mit wenig Aufwand auf die Europäische Union Einfluss zu nehmen.

3) Viele Entscheidungen des Europäischen Parlaments betreffen uns im Alltag!

Auf der EU-Ebene wird mittlerweile sehr vieles entschieden, das uns jeden Tag begegnet – von den ganz großen Dingen wie Reisefreiheit bis zu den spezifischen und dennoch sehr wichtigen wie Sicherheitsnormen für Lebensmittel. Auch das Europäische Parlament hat daran seinen Anteil. Es spricht sich nicht selten für die Bürger und deren Rechte aus, man denke nur an den Protest zum SWIFT-Abkommen (Austausch von Bankdaten mit den USA) vor ein paar Jahren, in dem sich das Europäische Parlament für mehr Datenschutz eingesetzt hat, was durch alle Medien ging. Nein, es geht nicht nur um krumme Gurken, sondern um wichtige Weichenstellungen, von denen wir dann meistens nur hören, wenn sie längst durchgesetzt sind. Deshalb: an diesen Entscheidungen über den Wahlzettel mitbestimmen!

Das sind nur drei Gründe, weshalb man meiner Meinung heute unbedingt an die Urne sollte. Es gibt noch viele mehr, bestimmt auch persönliche Gründe. Also, warum auch immer: heute wählen gehen!

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Eine Europaabgeordnete plaudert aus dem Nähkästchen

mepswand(Photo von mir)


Was ist passiert?

Veranstaltungen zum Thema Europäische Union oder Europa sind dieser Tage selbst in kleinen Städten gar nicht mal so rar gesät – man muss nur hingehen. Das habe ich gemacht, und habe eine Diskussionsveranstaltung mit der MdEP Ulrike Rodust (Abgeordnete für Schleswig-Holstein, Fachbereich Fischereipolitik) besucht, die gestern in der Nachbarstadt stattfand. Leider haben sich neben mir nur 16 weitere Gäste eingefunden, und da ist das Organisationskomitee schon mit eingerechnet – aber nun gut, das ist eine andere Geschichte und würde in einen anderen Blogpost gehören.

Was meine ich dazu?

Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Die Rolle des Europäischen Parlaments nach Lissabon“, aber die Diskussion ging weit darüber hinaus. Angefangen hat der Abend mit einem kurzen und knackigen Vortrag von Frau Rodust, indem sie die generellen Herausforderungen Europas genannt und erläutert hat. So sprach sie an, sich immer wieder für Europa rechtfertigen zu müssen, und gegen Leute anzugehen, die Europa „kleinreden“ oder Falschinformationen verbreiten. Das ist eine Sache, die ich selbst sehr gut nachvollziehen kann – denn wie Frau Rodust weiter ausführte, ist Europa viel mehr als unsinnige Verorderungen zu Gurken oder Energiesparlampen. Weiter erklärte sie, was sich mit dem Vertrag von Lissabon am Gesetzgebungsverfahren geändert hat, und wie die Gleichberechtigung von Parlament und Mitgliedsstaaten (vertreten durch den Ministerrat) bei den letzteren in der Praxis und im Verhandlungsgebaren noch nicht angekommen sei.

Neben diesen mitunter sehr politikwissenschaftlichen Dingen hat Frau Rodust aber auch aus dem Nähkästchen geplaudert, und dann und wann Anekdoten, vor allen Dingen zu ihrem Bereich der Fischereipolitik, eingestreut. So von Medienvertretern, die Fischereipolitik für Schleswig-Holstein, das immerhin von zwei Meeren umgeben ist, nicht interessant finden, oder von schon merkwürdig anmutenden Befindlichkeiten in Ausschusssitzungen, in denen niemand erhöht sitzen darf. Im Übrigen war für mich sehr interessant, dass sie als Europaabgeordnete für Schleswig-Holstein eng mit den Landtagsabgeordneten zusammenarbeitet, und das über Fraktionsgrenzen hinweg. Die „Hüte“ des Europaabgeordneten, nämlich Europa, Bund und Land, passen für sie nach eigener Aussage also sehr gut zusammen.

Das waren für mich persönlich alles sehr wertvolle Aussagen – denn so konnte ich direkt von einer Abgeordneten des Europaparlaments hören, wie die Theorien zum Europäischen Parlament und dessen Abgeordneten, von denen ich während meiner Studienzeit gehört habe und die ich nun zum Teil in meiner Dissertation anwende, passen – oder eben nicht. Diese Erweckung der Theorie zum Leben macht solche Abende besonders spannend.

Fazit

„Das Haus Europa hat noch immer Fehler, und wir müssen alle gemeinsam daran bauen“ – das war ein Fazit des gestrigen Abends. Dem kann ich nur zustimmen, und solche Veranstaltungen wie diese helfen dabei Verständnis für Europa und seine Politik zu wecken und zu vertiefen. Schade war nur, dass kaum Publikum da war – aber das ist Frau Rodust nicht anzulasten. Sie hat mit vielen Fakten und Hintergründen durch den Abend geführt, und alle Fragen geduldig und ausführlich beantwortet. Ich habe von dieser Veranstaltung sehr viel mitgenommen und freue mich auf ein nächstes Mal.

 

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Twitter-User sind anders – oder zumindest sind es ihre politischen Meinungen

gb_kleinPlease click here for the English version!

Bevor ich anfange, entschuldige ich mich dafür,
dass die deutsche Fassung mit solcher Verspätung kommt!
Things to do, people to see… das kommt nicht wieder vor!

obama(Screenshot aus Twitter)

 

Was ist passiert?

Ich bin ein begeisterter Twitter-User, und liebe es, mich durch die vielen, vielen Hashtags zu wühlen, die den Microblogging-Service Twitter ausmachen. Hashtags – ein einfacher Weg, um Themen zu kennzeichen, z.B. mit #politikwissenschaft – geben den Weg zu jedes denkbare Thema vor, von dem letzten Fußballspiel über griesgrämige Katzen bis hin zu politischer Diskussion.

Aber diese politischen Diskussion sind, so hat das Pew Research Center (USA) herausgefunden, nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung und die Meinungen, die auf Twitter kundgetan werden, weichen häufig von denen der breiten Masse ab.

Was meine ich dazu?

Dass Twitter nicht repräsentativ, für, nun, auch nur irgendetwas ist, das ist keine Überraschung. Obwohl der Service jede Sekunde mit neuen Nachrichten regelrecht überflutet wird, so schreibt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, was ihn oder sie bewegt. Außerdem sind viele Accounts tot oder wurden noch nie benutzt. Darüber hinaus ist Twitter, nach der Studie des Pew Research Center, ein Medium der jungen Generation, womit sich Twitter nicht viel von anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Google+ unterscheidet.

Also, es ist keine große Überraschung, dass sich politische Meinungen in eine bestimmte bzw. eine andere Richtung bewegen, wenn man sich diese Daten anguckt. Aber was mich zum Nachdenken gebracht hat, ist, dass diese Meinungen häufig negativ sind, wenn es um Politik geht.

Das Pew Research Center hat acht große politische Ereignisse untersucht (meist im Kontext der US-Präsidentschaftswahlen 2012) und sich dabei mit einer automatisierten Methode den „Ton“ der Nachrichten angesehen. Natürlich kann man dieses Vorgehen hinterfragen, denn automatisierte Methoden sind häufig voller Fehler in der Analyse. Aber ich denke, dass dieser Ansatz hier Sinn macht, wenn man sich ansieht, dass tausende von Tweets in diese Studie eingingen. Der „Ton“ der Diskussion kann so meiner Meinung nach gut erfasst werden.

Also, warum ist die politische Meinung auf Twitter so negativ?

Definitive Antworten gibt es nicht, aber zunächst einmal denke ich, dass Twitter häufig als ein Medium gebraucht wird, um sich abzureagieren –  frei nach dem Schema„Ich mag dies nicht, ich mag das nicht“. Das wird dadurch unterstützt, dass es sehr einfach ist, einen Account anzulegen und ein paar Worte in die Maske einzutippen (man beachte die strikte Zeichenbegrenzung), die man am Ende des Tages nicht wirklich meint.

Davon abgesehen muss man sich den Kontext – die US-Präsidentschaftswahlen – der Studie ansehen. Wahlen sind immer eine umstrittene Sache, auch in den traditionellen Medien, und negative „Nachrichten“ sind ein Mittel, das in den USA weit verbreitet ist und schon als eigene Form des Wahlkampfes gelten. Also frage ich mich, ob diese acht Ereignisse nicht schon eine gewisse Antwort haben voraussehen lassen. Es wäre interessant zu sehen, wie diese These des Negativität im Vergleich mit z.B. Tweets von lokalen oder regionalen Wahlen aussieht – Wahlen, die nicht so stark polarisieren.

Fazit

Twitter ist – ob man es nun glaubt oder nicht – nicht nur ein Ort, auf dem man der ganzen Welt sein Abendessen zeigt, sondern bietet auch Platz für politische Diskussion. Ich weiß, wovon ich rede, da ich mich manchmal an solchen Diskussionen beteilige. Das macht nicht nur Spaß, sondern ich sehe auch gleich, was andere Leute zu gewissen Themen denken.

Daher weiß ich auch, dass Politik und politische Ereignisse auf Twitter nicht nur negativ gesehen werden. Ich folge z.B. auf Twitter einigen sehr aktiven politischen Twitterern, und deren Meinungen halten sich die Waage (z.B. Jon Worth oder Puffles, Twitters „Drachenfee“).

Alles in allem denke ich, dass die Studie von Pew sehr gut herausarbeitet, welche Rolle Twitter in der Politik spielen kann, aber ich denke auch, dass eine weitere Studie von Vorteil wäre. Wenn ich nur selbst die Zeit hätte… :)

Quellen

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Happy Birthday, Bachelor und Master: Warum es Grund zum Feiern gibt

(Foto von mir)

Was ist passiert?

Die Sommerpause des Blogs ist vorbei – also, gleich wieder ran an ein bisschen Politik.

Die Diskussion um die Studienabschlusskrieg „Bachelor/Master vs. Diplom“ ist ja bereits seit gut zehn Jahren in Gange, seitdem die Reform beschlossen wurde. Aber was ist heute daraus geworden? Haben die neuen (und mittlerweile in Deutschland weitgehend eingeführten) Studienabschlüsse Erfolg? Haben sie Akzeptanz gefunden, sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Studierenden?

Die Antwort lautet: jein. Es gibt viele Befürworter, und gefühlt noch viel mehr Gegner, sogar der Direktor der Hochschulrektorenkonferenz poltert munter vor sich hin. Aber es ist nun einmal, was es ist – und hier kommt meine Meinung dazu. Denn jeder scheint eine Meinung dazu zu haben – egal, ob er oder sie jemals direkt mit dem neuen System in Berührung gekommen ist, oder eben nicht. Das Herbeirufen des „Untergangs des Abendlandes“ ist da häufig nicht weit – und dagegen möchte ich nun mit meinen eigenen Erfahrungen angehen.  Das ist natürlich nicht objektiv (wie es all die anderen Meinungen auch nicht sind), sondern eine ganz persönliche Geschichte.

Und Überraschung: es gibt für mich ein positives Fazit.

Was meine ich dazu?

Meinungen zum Bachelor/Master-System bekommt man ungefragt allerorten, selbst dort, wo man es thematisch nicht vermutet. Andauernd auf dieses Thema zurückkommende Diskussionen im Spiegel-Online-Forum, um nur einen einzigen Schauplatz der vielen Kämpfe zu nennen, sind ein gutes Beispiel dafür. Denn dort wird häufig alles Übel in der deutschen Hochschullandschaft auf die neuen Abschlüsse zurückgeführt, ob es thematisch nun passt oder nicht.

Aber warum? Zunächst einmal sind das häufig sehr persönliche Einschätzungen. Man hört von den Alt-Diplomern und diejenigen, die im neuen System studieren. Die Alt-Diplomer beklagen sich, dass „früher“ generell alles besser war. Und die Bachelorabsolventen? Die stimmen häufig auch noch zu!

Ich selbst habe gerne im Bachelor/Master-System Politikwissenschaft studiert. Und – Überraschung – ich bin sehr gut damit gefahren.

Hier ein paar Antworten drei ausgewählte Vorwürfe, die häufig in den Raum geworfen werden:

1. „Die Strukturen engen viel zu sehr ein“
Ich mochte die Struktur, die das Studium sowohl im Bachelor, als auch im Master vorgegeben hat – ich habe mich nie eingeengt gefühlt, sondern hatte das Gefühl, einen breiten Überblick zu bekommen, ehe ich mich auf meine Lieblingsthemen gestürzt habe. Die vielen Kurse zu z.B. Methoden haben vielleicht nicht immer Spaß gemacht, aber genau diese Kenntnisse sind für mich heute unabdingbar. Also, Struktur muss nicht unbedingt etwas schlechtes sein. Denn auch wenn ich mich später auf die Europäische Union spezialisiert habe, so wäre das alles nur wenig sinnvoll ohne Kenntnisse zur Wirtschaftspolitik, zum Parlamentarismus und politischen Systemen, oder zu den Theorien der Internationalen Beziehungen.
Also: Struktur kann helfen, um an (u.U. wenig geliebtes) Basiswissen zu kommen.

2. „Im Bachelor bleibt keine Zeit für’s Ausland“
Jein. Auch ich habe so gedacht, das aber nie als Nachteil gesehen. Denn ich habe mir sehr früh vorgenommen, den Bachelor in Deutschland fertigzumachen, und dann für den Master ins Ausland zu gehen. Und so ist es gekommen – das Gute dabei war, dass ich das neue Hochschulsystem in seiner Gänze kennengelernt habe, mit den „richtigen“ Prüfungen und Anforderungen, und am Ende eben auch mit einem Zeugnis dieser Uni. Die Anerkennung meines sechssemestrigen Bachelors lief reibungslos, und mit dem Wissen, das ich in diesem erworben hatte, konnte ich ohne Probleme mithalten. Das Austauschprogramm Erasmus hätte es übrigens in meinem Fachbereich ohne Probleme mit Anerkennung von Leistungen gegeben, wenn ich das gewollt hätte.
Also: Es bleibt Zeit für’s Ausland, aber sie muss geplant werden – egal, ob nun für einen ganzen Studiengang oder für Erasmus.

3. „Ihr Bachelors und Masters lernt ja alle eh nichts“
Um einen meiner damaligen Dozenten zu zitieren: „Studium ist, was ihr draus macht – und das gilt besonders im Bachelor und Master“. Niemand kommt an der Uni und macht einem den Stundenplan, bringt einen zu den Räumen oder Ähnliches. Studium heißt selbstständig sein, und wer das war, konnte sich, zumindest bei mir (da wären wir wieder bei den persönlichen Erfahrungen) gut durchschlagen. Aber das bedeutete Aufwand. So konnte ich Kurse belegen, die eigentlich außerhalb meiner Wahlmöglichkeiten lagen, da im Master angesiedelt – aber zwei E-Mails haben das geklärt, und ich war drin, und das ist nur ein Beispiel. Ansonsten kommt es natürlich auf das Programm an, das man studiert, und auch hier gilt: vorher informieren, das beugt Enttäuschungen vor.
Also: ich habe eine Menge gelernt – durch Eigeninitative.

Fazit

Wenn alle ihre persönlichen Erfahrungen zum „neuen“ System auspacken, dann darf ich das auch. Und was habe ich vorgefunden? Ein für mich absolut „studierbaren“ Studiengang, der mich perfekt auf die Anforderungen der folgenden Schritte, Master und Promotion and anderen Unis, vorbereitet hat. Ich konnte nach dem Bachelor bequem die Uni wechseln, und genau das weiterstudieren, was ich wollte. Das war und ist mir wichtig.

Das ist natürlich nicht überall so, jeder Studiengang ist anders. Aber dennoch hilft es manchmal, nicht nur zu meckern, sondern das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen… bevor man das gesamte System verteufelt.

Kurzum: Ich habe das Diplom nie kennengelernt – und ich vermisse nichts.


Worauf stützt sich dieser Blogpost?

  • – eigene Erfahrungen und häufige Lektüre der Spiegel-Online-Kommentare in der Unispiegel-Sektion

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Politik ist keine Einbahnstraße

(Foto von mir)

Was ist passiert?

In der aktuellen Ausgabe des Stern ist zu lesen, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestags laut einer Mehrheit der Bürger mit ihren Aufgaben überfordert seien und, gelinde gesagt, keine Ahnung von ihrem Job hätten (einen Abriss bildet dieser Artikel auf stern.de). Außerdem hätten die Bürger keinerlei Verständnis dafür, dass die Abgeordneten sich nicht mit jedem Thema befassen können, und außerdem müssten sie immer im Plenarsaal anwesend sein.

Was meine ich dazu?

Der Aufhänger der repräsentativen (!) Stern-Umfrage war übrigens die aktuelle Eurokrise, die, zugegeben, wirklich undurchsichtig ist. Aber ansonsten kann ich über solche Aussagen nur den Kopf schütteln – und muss eine Lanze für die Abgeordneten brechen. Im Folgenden drei kurze Thesen.

1. Mal andersherum: Der Bürger ist selbst inkompetent

Allerorten wird sich über die „Inkompetenz“ der Abgeordneten beschwert, und dass dieser gar nicht um die Sorgen und Nöte seiner Wähler wisse. Aber es sind häufig dieselben Leute, die fast schon mit Stolz erzählen, sie würden sich ‚nie’ mit Politik befassen und nicht zur Wahl gehen. Es ist nicht schwer zu sehen, wo hier der Hund begraben liegt. Denn wer nicht mitgestaltet und seine Rechte nicht wahrnimmt – der Gang zur Urne gehört zweifellos dazu – , der tut auch seinen Willen nicht kund. Außerdem denke ich nicht, dass sich jemand, der sich nach eigenen Angaben ‚nie’ mit politischen Dingen befasst, ein fundiertes Bild über die Kompetenz seines Abgeordneten machen kann. Also, Politik ist keine Einbahnstraße. Jeder ist dazu angehalten, sich zumindest ein bisschen selbst auf dem Laufenden zu halten. Man kann nicht erwarten, alles mundgerecht serviert zu bekommen – und wenn das passiert, wie zum Beispiel per Postwurfsendung, wird wieder gemeckert. Es ist und bleibt ein Teufelskreis.

2. Die Plenardebatte ist nur ein winziger Ausschnitt

Wenn geäußert wird, dass die Abgeordneten doch immer und bei jeder Debatte im Plenarsaal anwesend sein sollen, weil ja sonst keine Arbeit getan wäre, ist dies ein direkter Auswuchs von Punkt eins – der Unwissenheit. Denn: der Deutsche Bundestag ist ein Arbeitsparlament, das heißt es wird in den vielen Ausschüssen beraten und entschieden. Die Plenardebatte ist dabei zur letzten Abstimmung da, und für ein paar Schaureden für das Volk (, das bekanntermaßen auf der Besuchertribüne einschläft). Aber richtige Aushandlungsprozesse finden da nicht mehr statt. Dieser Umstand sollte eigentlich bekannt sein. Aber: Woher? Der Bürger wird nach seiner Schulzeit nicht mehr dazu angehalten, sich umfassend politisch zu bilden. Und zu solchen grundlegenden Dingen, über die sich jeder anmaßt doch irgendwie Bescheid zu wissen, darüber schon gar nicht. Das ist meiner Meinung nach eine falsche Scheu. Denn nur so können solche Bildungslücken geschlossen werden, die Unwahrheiten in die Welt setzen.

3. Spezialisierung ist effektiv

Und zu guter letzt wage ich zu sagen, dass die Spezialisierung, wie sie von den Abgeordneten vorgenommen wird – denn so gibt es Energieexperten, Finanzexperten, Umweltexperten… – gut für das Parlament und am Ende gut für die Demokratie ist. Es gibt also Leute, die sich tief in Themen einarbeiten. Das heißt aber nicht, dass diese dann im Alleingang entscheiden. Nein, diese Leute können ihre Themen so für die anderen Abgeordneten aufbereiten, dass diese verständlich werden, und dass diese in die Lage versetzt werden, darüber mit Fachwissen zu diskutieren. Wie sähe das anders aus? Ein Chaos an unbelegten Fakten und Halbwissen sehe ich am Horizont auftauchen. Die jetzige Arbeitsform ist effektiv, und das muss sich auch sein, bei der Fülle an Gesetzen, die jedes Jahr im Bundestag auf den Tisch kommen. Und diese Fülle muss ihre Bearbeitung finden – selbst die Dinge, die als ‚unnütz’ erachtet werden. Denn was für den einen so ‚unnütz’ ist, könnte für den nächsten wichtig sein, das Stichwort lautet hier zum Beispiel Normierung. Also, Spezialisierung ist etwas Gutes, und ist nicht mit ‚Inkompetenz’ in Bereichen außerhalb dieser gleichzusetzen.

Fazit

Und vielleicht, ganz vielleicht sollte „der Bürger“ die vermeintliche Inkompetenz nicht nur beim Abgeordneten suchen, sondern sich an die eigene Nase fassen. Von welchen Gebieten kann man selbst behaupten, wirklich gut informiert zu sein? Wahrscheinlich sind das nur sehr wenige – der Beruf und vielleicht noch ein Hobby, von dem Bereich ‚Politik’ fangen wir gar nicht erst an. Aber sonst? Für den Rest wird ein Handwerker gerufen, zum Fachhändler gegangen, Bekannte gefragt. Ja, und damit sieht es nicht viel anders aus als bei einem Abgeordneten des Deutschen Bundestags, der sich bei dem jeweiligen Experten seiner Fraktion ein paar Fakten abholt.

Bundestagsabgeordnete, wie Abgeordnete von anderen Parlamenten auch, müssen Information aus sehr vielen verschiedenen Feldern innerhalb kürzester Zeit verarbeiten und verstehen. Das ist Schwerstarbeit – und dieses Pensum an Arbeit ist nur aufrechtzuerhalten, wenn sich Einzelne spezialisieren. Das ist die Realität. Denn was wäre, wenn sich alle mit der Oberfläche (wie einer halben Seite mit abgehackten Stichworten), aber niemand mit der Tiefe beschäftigt? Wenn über 600 Leute über ein Thema diskutieren und zu einem gemeinsamen Schluss kommen sollen?

Dann verkommt das Parlament zur „Quasselbude“. Und nicht andersherum.

 

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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