[GER & ENG] Plagiate und Co. – Zeit, mal wieder etwas dazu zu sagen

IMG_3405(Foto von mir)


Liebe Leser,

heute muss ich ein wenig schummeln – es gibt eine Verlinkung auf einen alten Post. Der noch immer sehr relevant ist, aber dazu gleich mehr. Warum eine Verlinkung? Ich war eine Weile krank, vergraben und Decken auf dem Sofa und mit literweise heißem Tee bewaffnet – und dementsprechend nicht in der Lage, mich eingehend mit dem Blog zu beschäftigen.

Aber das macht nichts – denn ein Thema ist wieder aufgetaucht, zu dem ich bereits etwa geschrieben habe. Die Überschrift verrät es bereits, es geht um Doktorarbeits-Plagiate. Nun hat es Ursula von der Leyen erwischt, wie allerorten zu lesen. Meine Meinung zu dem grundsätzlichen Thema hat sich nicht geändert, weshalb ich hier auf meinen Post aus dem Jahre 2013 verweise. Manches wird eben nicht alt.

Bitte einmal auf die Flagge klicken, um zum Post zu kommen:

german_small


Dear readers,

this post today may feel a bit like cheating since I’m linking to an old blog post of mine. However, it’s still quite relevant, but more about that in a minute. Why am I doing this? Well, I was sick for a while, hidden behind piles of duvets and I had liters of hot tea nearby – and thus I was not able to write something new for the blog.

But nevermind – an old topic made a reappearance, and that is plagiarism in PhD theses. This time, it’s German politician Ursula von der Leyen who is being looked at, one can easily follow this in the press. My opinion on the wider topic didn’t change, and thus I’m linking to a post I wrote in 2013. Some things never get old.

Please click on the flag to get to the blog post:

gb_klein

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Abgeordnete und ihre Webseiten – (k)eine Liebesgeschichte

becher_klein(Foto von mir – aufgenommen übrigens auf der GOR15)

 

Was ist passiert?

Wie so einige wissen, habe ich in meiner Dissertation Abgeordnetenwebseiten erforscht. Genauer gesagt, habe ich die Webseiten der deutschen, österreichischen, britischen und irischen Mitglieder des Europäischen Parlaments und der jeweiligen nationalen Abgeordneten analysiert. Dabei habe ich eine Menge gemacht, und mir zum Beispiel angesehen, welche Informations- und Transparenzinhalte gezeigt werden, wie es mit Symbolen für die europäische oder die nationale Ebene aussieht, und ob es Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern und politischen Ebenen gibt. Diese Unterschiede gab es zuhauf* – aber das soll jetzt hier nicht das Thema sein (wer trotzdem etwas darüber lesen möchte, der kann das hier über länderübergreifende Ergebnisse und hier zu den deutschen Mitgliedern des Europäischen Parlaments tun).

Was gibt’s dazu zu sagen?

Aber da war noch was – ich habe mir nicht abgesehen, wie häufig die Webseiten tatsächlich geupdatet werden. Aber das ist besonders für die tägliche Arbeit und die Interaktion mit dem Bürger wichtig, gerade als eine einfache Möglichkeit der Informationsvermittlung und Kontaktaufnahme. Also, wie häufig gibt es Neues zu sehen? Das haben sich Martin Fuchs (der Hamburger Wahlbeobachter; hier der Link zum Blogpost) für die Webseiten der Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft (hier auch ein Artikel darüber in der WELT) und Patrick Liesener (Bezirksverordneter von Tempelhof-Schöneberg in Berlin) für das Berliner Abgeordnetenhaus angesehen. Dabei haben sie so Spannendes herausgefunden, dass ich es einfach vorstellen muss.

Für Hamburg lässt sich sagen, dass nicht alle Abgeordneten der Bürgerschaft eine Webseite pflegen. Die Zahlen sind sogar recht hoch – so haben 35 von 121 Abgeordneten keine derartige Onlinepräsenz (genauere Zahlen im Blogpost von Martin Fuchs). Wie aktuell sind also die Webseiten von denen, die eine haben? Wenn man den Zeitraum von drei Monaten als aktuell nimmt (was meiner Meinung nach großzügig ausgelegt ist), dann haben nur 40,5 % der Abgeordneten eine aktuelle Webseite. Die Variation über die Parteien ist groß, und die FDP schließt mit 88,9 % am besten ab, sodass nur eine Webseite von neun nicht aktuell ist. Dennoch: das sind Zahlen, die erschrecken.

Wie schaut es in Berlin aus? Patrick Liesener (übrigens mit Webseite) hat das überprüft. Die Zahlen und somit die Befunde ähneln sich. Von den 149 Abgeordneten haben 19 keine Webseite. Bei der Aktualität schneidet sie SPD mit 83 % am besten ab, während die Piraten mit 27 % am unteren Ende der Skala zu finden sind (hier die vollständige Tabelle). Ich könnte mich dazu verleitet fühlen, aus dem Hashtag für das Abgeordnetenhaus #agh ein #argh machen.

Und nun?

Also, was sagt uns das? Man kann noch so viel auf Social Media hinweisen und bei der Erwähnung von Webseiten gähnen wie man will, sie sind ein vorherrschendes Medium. Ganz und gar nicht aus der Mode – aber sie werden in einer Vielzahl der Fälle kaum geupdatet. Das ist ein Problem, denn es mindert den Informationsfluss vom Abgeordneten zum Bürger und u.U. zu Kollegen. Die Webseite ist an sich eine praktische Sache: sie ist für alle mit Internetanschluss verfügbar, schließt anders als ein Bürgerbüro nicht am Abend und am Wochenende seine Tore, kann immer aktuell gehalten werden (!) – so die Theorie. Warum sie dann nicht so genutzt wird? Nun, das wäre vielleicht ein Thema für meinen Post-Doc… allein schon, um herauszufinden, wie das auf Bundesebene und europäischer Ebene aussieht.

Jetzt aber noch ein Dank an Martin Fuchs und Patrick Liesner für die Arbeit, die die beiden sich gemacht haben – das freut das Forscherherz!

 

* Ich erlaube mir an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Monographie dazu in Arbeit ist – und dass bald ein Artikel in der Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft erscheint. Nur Geduld! :)

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Der Bundestag beim Shoppen

bundestag1klein(Foto von mir)

 

Große Freude beim vorweihnachtlichen Shoppen: im örtlichen Einkaufszentrum hatte ein Stand der Kommunikationsabteilung des Deutschens Bundestages seine Plakatwände aufgeschlagen. Für mich, die ich mich mit der Kommunikation von Parlamenten und seinen Mitgliedern beschäftige, eine prima Gelegenheit, mir das einmal genauer anzusehen.

Leider war ich in diesem vollen Einkaufszentrum die einzige weit und breit, die sich für die Informationen über den Deutschen Bundestag interessierte. An sich ist das nichts Ungewöhnliches, aber dennoch war es sehr schade. Die Mitarbeiter waren sehr hilfsbereit, aber leider mehr damit beschäftigt, Einkaufschips und andere Devotionalien hinzulegen, als Fragen zu beantworten. Die Leute hasteten vorbei, und blieben nur sehr kurz stehen. Da war es nämlich wie immer und überall: den Stoffbeutel nehmen die Leute fast schon verschämt mit, der Rest ist kaum von Interesse.

Aber woran liegt es? Darüber wurde schon eine Menge geschrieben, und meine eigene Erkenntnis bleibt nach Anschauung ähnlich: die ganze Ausstellung ist voll von Text, sehr viel Text, dazu noch klein geschrieben, und allein die große Menge – es waren nicht wenige Plakatwände, die von beiden Seiten beschriftet waren – lädt nicht zum Verweilen ein. Schon gar nicht einem Einkaufszentrum, in dem man nun wahrlich andere Dinge zu tun hat. Plakate mit diesen Eigenschaften sind schon in Museumsausstellungen ermüdend, aber für die Politik umso mehr. Natürlich ist es z.B. wichtig zu zeigen, wie ein Gesetz verabschiedet wird – aber ohne ein konkretes Beispiel ist dies wenig plastisch, schon gar nicht bei den vielen möglichen Wegen, die ein Gesetz durchlaufen kann. Auch die allgemeinen Funktionen eines Parlaments sollte man kennen und daher in solch einer Ausstellung darstellen – pikanterweise fehlte die „Kommunikationsfunktion“ auf den Plakaten. Das fand ich besonders schade, immerhin ist bei all den anderen Funktionen eines Parlaments die Beziehung zum Wähler besonders wichtig – selbst wenn dieser sich nur für die (zugegebenermaßen schönen) Stoffbeutel interessiert.

Wie lässt sich der Wähler interessieren? Ich möchte ja nicht alles schlecht reden, denn allein die Existenz dieser Wanderausstellung gefällt mir sehr. Auch die Idee, mit ihr zum Bürger zu kommen, und sich nicht in anderen Ausstellungen zu verstecken, und somit wieder nur von Leuten angesehen zu werden, die sich eh schon für Politik erwärmen können. Es geht mir also nicht darum, dass Plakatwände zur Politik in Einkaufszentren generell fehl am Platz sind, im Gegenteil. Aber gerade wenn die Leute wenig Zeit haben und viele Tüten zu tragen haben, fehlt die Muße, sich das alles durchzulesen. Ich als Internet-Doktorandin bin natürlich vorbelastet, aber eine interaktivere Ausstellung würde sich meines Erachtens durchaus anbieten. Mit einem Konzept, in dem der arglose Bürger nicht mit einer Masse an Informationen erschlagen wird, sondern sich aussuchen kann, was er sich ansehen möchte (also einem Stand aus der Industrie nicht unähnlich, um klarere Worte zu finden.). Das große Ganze ist wichtig, na klar, und das politische System lässt sich nicht in Häppchen erfassen, höre ich jetzt schon – aber lieber in Häppchen als gar nicht. Das mag zynisch klingen, aber lieber wenige Informationen an den Mann bringen als gar keine. Aber hier greift bestimmt wieder das allgegenwärtige Kostenargument – interaktiv ist zu teuer, und so weiter, und so fort. Aber wie viel sollten solche Anstrengungen wert sein?

Zusammengefasst konnte ich an dieser kleinen Ausstellung mal wieder sehen, dass Kommunikation mit dem Wähler bitter nötig ist, Aber leider ist das Interesse gering – ich stand lange genug zwischen den Plakatwänden, um das beurteilen zu können. Schade – ich hoffe auf neuere Konzepte. Ein bisschen mehr Technik darf es dann schon sein… man wird ja wohl noch ein bisschen träumen dürfen, oder?

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Plagiate und Co. – Ich wollte wirklich nichts dazu sagen…

gb_kleinPlease click here for the English version!

dokt(Foto von mir – das ist übrigens die Master-Robe, und nicht die Doktor-Robe.
Ich hoffe, es ist mir verziehen.)

 

Was ist passiert?

… „dann tu’s eben nicht“, das war das, was ich mir immer gedacht habe, und das nun schon seit gefühlten Jahrzehnten. Aber so langsam nimmt es überhand – auch in meinem Umfeld.

Worum geht’s? Um diese ganze Plagiatsjäger-Geschichte, also um die Sache, dass Politiker reihenweise ihre Doktortitel aberkannt bekommen, weil sie – so liest man allerorten – in ihrer Doktorarbeit plagiiert haben sollen. Ich möchte mich nicht zu den einzelnen Fällen äußern, da ich nur die Medienberichterstattung kenne und keine dieser Dissertationen selbst gelesen, geschweige denn überprüft habe.

Es bleibt nicht bei dieser Berichterstattung zu den mittlerweile wohl allseits bekannten Fällen. Auf so einigen Onlinemedien und deren Campusseiten tauchen fast im Stundentakt Berichte auf, die jegliche Dissertationen zu hinterfragen scheinen und der Promotion an sich jeglichen Wert absprechen.

Jetzt muss ich einfach auch mal einhaken.

Was meine ich dazu?

Ich bin Vollzeitdoktorandin, soviel vorweg. Und wenn ich „Vollzeit“ sage, meine ich das so – die Dissertation ist ein 24-Stunden-am-Tag-sieben-Tage-die-Woche-Projekt. Ein Projekt, mit dem ich mich gerne beschäftige, das mich aber auch viel Kraft kostet. Die Zeit, die ich in meine Dissertation stecke, muss ich woanders abzwacken – zum Beispiel bei der Freizeit. Ich habe Deadlines einzuhalten, an denen ich nichts ändern kann, wie z.B. Konferenzen, auf denen ich meine Arbeit vorstelle. Aber wie gesagt, ich mache das gerne.

Ich plagiiere nicht. Davon abgesehen, dass ich meine eigenen Daten erhebe und von daher diese Daten schon mal nicht klauen kann, habe ich seit der Schulzeit gelehrt bekommen, dass man das einfach nicht tut. Von dieser ethischen Seite einmal abgesehen, habe ich gleich mitbekommen, wie man richtig zitiert. Also, wo liegt das Problem? Ich schreibe einen Absatz, ich setze eine oder mehrere Quellen dahinter, je nach Art des Zitats mit Anführungszeichen oder ohne. Ende der Geschichte und kein Grund zu endloser Diskussion, sondern reine Routine, wie sie jedem Studierenden spätestens im ersten Semester vertraut wird.

365 Tage im Jahr Urlaub hat wohl niemand, und ich ebenfalls nicht. Wie oben bereits angedeutet, mache ich mir kein faules Leben in der Karibik, sondern arbeite jeden Tag hart an meiner Dissertation. Doktoranden sind keine faulen Leute, keine ewigen Bummler, sie bekommen ihre Forschungsergebnisse und schon gar nicht die Urkunde am Ende geschenkt, sondern erarbeiten sich all das hart. Ich kann natürlich nicht für alle Doktoranden sprechen, aber die, die ich kenne, nehmen ihre Forschung alle sehr ernst, egal, ob die Arbeit nun haupt- oder nebenberuflich geschrieben wird. Eine Doktorarbeit ist harte Arbeit, die man nicht „mal eben nebenbei“ schreibt.

Außerdem möchte ich persönlich den Titel nicht, um ihn mir hinterher auf’s Klingelschild zu schreiben. Dass promovierte Leute geltungssüchtig seien, das schreit mir aus vielen Medienartikeln regelrecht entgegen. Nein, ich bin nicht geltungssüchtig. Ich strebe eine akademische Karriere an, da ist der Doktor ein weiterer Schritt auf meinem Weg. Und selbst wenn es anders wäre – das wäre ganz allein meine Entscheidung. Aber welchen Weg man mit dem Doktor beschreiten möchte, ob nun in Voll- oder Teilzeit, sagt per se nichts darüber aus, wie gut oder schlecht der Doktorand wissenschaftlich arbeitet. Auch (bzw. gerade) nebenberuflich wird eine Menge geleistet! Ich würde mich den Strapazen nicht aussetzen, ginge es mir nur um zwei Buchstaben vor meinem Namen.

Fazit

Wieso wird der Dissertation in den Medien auf einmal der Wert abgesprochen? Weil ein paar Politiker (angeblich – wie gesagt, ich kann dazu nichts Genaues sagen) ihre Arbeit abgeschrieben haben? Schön und gut, aber was ich mit den tausenden anderen, die ihre Arbeit Tag für Tag gewissenhaft bearbeiten? Mit den Doktoranden in den Unis oder in ihrem Beruf, die mit Leidenschaft mit ihrer Arbeit drei oder mehr Jahre verbringen?

Ich schreibe nicht ab. Und ich kann es nicht mehr hören, wenn Leute, die nach meiner Dissertation fragen, folgenden Spruch von sich geben: „Aber nicht plagiieren, hörst du?“. Das ist weder originell noch sonst auf irgendeine Art und Weise komisch. Ich stecke sehr viel in meine Dissertation. Ich erwarte dafür keine Lobeshymnen und keinen Nobelpreis, aber ist es zuviel verlangt, dass sich nicht ständig darüber lustig gemacht und diese Anstrengung kleingeredet wird?

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

Eigene Meinung, und die Lektüre vieler, vieler Artikel auf diversen Campuszeiten großer Zeitungen.

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Diskutieren, präsentieren und Tweeten – alles gleichzeitig?


Please click here for the English version!


(Screenshot aus meinem Twitterfeed)


Was ist passiert?

… oder nun, nicht alles gleichzeitig, aber fast. Also, was ist passiert? Ich war heute bei einem kleinen Seminar der Vertretung der Europäischen Kommission in London; die Themen waren e-Petitions und digitale Demokratie allgemein. Warum bin ich hingegangen bin? Diese Thematiken ziehen sich durch meine Doktorarbeit, und außerdem war dieses Seminar eine hervorragende Gelegenheit, endlich einmal in die Vertretung zu kommen.

Als ich dort angekommen bin, habe ich zunächst angekommen, ich würde das Seminar ganz „traditionell“ verfolgen – ein paar Notizen machen, vielleicht ein Foto, und am Ende wieder gehen. Nun, das hat sich schnell geändert, als ich gesehen habe, dass das Seminar seinen eigenen Twitter-Hashtag hat.

Eine Sache vorweg: Ich werde nicht erklären, was Twitter ist oder wie es funktioniert, mit ein paar kleinen Ausnahmen. Falls jemand nicht mit Twitter vertraut ist, kann ich die Wikipedia-Seite empfehlen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Was meine ich dazu?

… und mit diesem Twitter-Hashtag in der Hand habe ich beschlossen, aus diesem Seminar zu zweeten, wie es vom Veranstalter anscheinend auch gewünscht war. Ich bin kein Neuling, was Twitter angeht, und wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, habe ich seit 2009 einen Account. Aber das ist mein privater Account, and ich habe noch nie aus seinem Seminar oder aus einer Konferenz getweetet. Was hat meine Meinung also geändert? Ich habe einige Seminare zum Thema eigene Webpräsenz und wie man sich bekannt macht besucht, und alle haben eindringlich und schon fast mantraartig wiederholt, dass man auf Twitter sein „muss“, und zwar in einer offiziellen Rolle, und sich mit Kollegen auszutauschen und über seine eigene Forschung zu schreiben. Ich war immer sehr zurückhaltend, was das anging – was ist, wenn ich nichts zu sagen habe, und was ist, wenn niemand mit mir reden möchte? – und so blieb Twitter für mich immer ein Medium, um mit meinen Freunden herumzualbern.

Aber nun habe ich mir Anfang dieser Woche doch einen „offiziellen“ Account zugelegt. Ich meine, ich schreibe meine Doktorarbeit über das Internet und seine Möglichkeiten, und dann habe ich selbst keinen Twitter-Account? Ja, das ist ein ziemlicher Widerspruch. Also habe ich mich angemeldet, und nun, die Dinge sind nicht ganz so schlimm wie ich zunächst gedacht habe. Ich kenne einige Leute, denen ich nun folge, und die mir ebenfalls folgen, und manchmal schreibe ich etwas über mein Leben in der akademischen Welt. So weit, so gut.

Aber was ist mit Seminaren und Konferenzen? Und hier kommt nun das Seminar von heute ins Spiel. Nachdem ich den Hashtag gesehen habe, habe ich mir gedacht, es einfach mal zu probieren, einfach mal ein paar Tweets zum Seminar loszulassen. Also habe ich darüber geschrieben, wie sehr ich mich freue, dort zu sein, und dann habe ich kommentiert, was die Redner gesagt haben. Ganz einfach. Auch habe ich versucht, zu verfolgen, was die anderen Besucher des Seminars zum Thema beitrugen. Es wäre schön gewesen, eine Twitterwall zu haben (auf der alle Tweets zu sehen sind, die zu dem genannten Hashtag eingehen). Nun, es gab zwar eine, aber die ist schnell abgestürzt und so musste ich mich darauf verlassen, die Sache auf meinem Handy zu verfolgen.

Es ist nicht schwer zu erraten, wie sehr ich mich gefreut habe, als ich meinen ersten Retweet bekommen habe (d.h. jemand hat meinen Tweet kopiert und an seine eigenen Follower geschickt)! Jemand sieht mich, juchee! Nach einer Weile habe ich dann direkte Fragen gestellt bekommen, und ich habe ein paar Unterhaltungen mit anderen Teilnehmern des Seminars angefangen (alles über Twitter). Eine Frage war zum Beispiel, wie die Webseiten von Politikern aussehen sollten. Sehr interessant, sehr interessant. Auch wurde von jemandem gefragt, wer denn hier im Seminar sei, und wer ganz woanders auf der Welt. Das war ein seltsames Gefühl, zu tweeten wo man sitzt und wie man aussieht, und zu hoffen, dass einen vielleicht jemand später erkennt.

Also, wie man dieser kurzen Beschreibung vielleicht entnehmen kann, hatte ich großen Spaß auf Twitter. Ich folge nun neuen Leuten und diese Leute folgen mir. Ich habe getweetet, was die Redner gesagt haben, habe Fragen gestellt und beantwortet bekommen. Ich habe an einer kleinen Online-Kaffeerunde teilgenommen, könnte man sagen.

Aber wenn ich mir jetzt meine Papiernotizen ansehe, muss ich mir eingestehen, dass ich nicht besonders viel aufgeschrieben habe. Ich habe zwar die Dinge mit anderen diskutiert, aber ich habe das Gefühl, dass mich die „Twittersache“ ziemlich abgelenkt hat. All diese kleinen Dinge – ständig auf mein Handy schauen, tippen, mit der Autokorrekturfunktion kämpfen (und mit der ständig abstürzenden Twitter-App) – das hat meine Aufmerksamkeit arg beeinträchtigt. Ich habe dennoch viel aus dem Seminar mitgenommen, aber ich befürchte, trotzdem so Einiges verpasst zu haben. Auch, wenn man das auf einer anderen Ebene sieht, denke ich, dass die Redner es nicht schätzen, wenn so einige Leute ihre Augen nur auf dem Handy haben. Das mag zwar der Zeitgeist sein, aber wenn ich der Redner wäre, würde dieses Verhalten wiederum mich ablenken.

Fazit

Alles in allem war dieser Twitter-Test eine großartige Erfahrung. Ich habe sogar drei der Leute, mit denen ich getweetet habe, hinterher getroffen (im „richtigen Leben“), was besonders nett war, und daher sehe ich nun den Wert darin, sein eigenes Bild als Profilbild zu haben. Dennoch werde ich das Tweeten während der Veranstaltungen in Zukunft wahrscheinlich lassen, und lieber in den Pausen etwas schreiben. Denn es werden andere Veranstaltungen kommen, in denen ich mich lieber auf meine Papiernotizen konzentrieren werde – auf Notizen, die auch nach ein paar Stunden noch Sinn machen, anders als mein Twitterfeed, der zum Großteil aus Unterhaltungen mit anderen Leuten besteht und nicht aus dem, was vor mir am Rednerpult passiert. Die Gespräche an sich sind nicht das Problem, aber sie sind nicht besonders hilfreich, wenn ich die Notizen hinterher brauche…

Wie auch immer, ich denke, dass Twitter ein großartiger Weg ist, um mit Leuten in Kontakt zu treten, mit denen man wahrscheinlich ansonsten nie gesprochen hätte, ob nun auf Seminaren oder anderweitig. Also werde ich weiterhin meinen Twitterfeed zum Glühen bringen, nur nicht… immer.

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