Big Data und die Universität – (wie) passt das zusammen?

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(Foto von mir – der wunderschöne Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien)

 

Was ist passiert?

Big Data und die Diskussion um die Konsequenzen dieser relativ neuen Technik ist allgegenwärtig. Zumeist im Social Media-Kontext gebraucht, wird Big Data oft mit personalisierter Werbung auf Facebook und anderen Plattformen in Verbindung gebracht. So rechnet z.B. Facebook „Gefällt mir“s und andere Einträge zusammen, die schließlich ein Benutzerprofil ergeben, nach dessen Vorgaben zugeschnittene Werbung geschaltet wird. Big Data kann aber noch mehr – und zwar feststellen, wie sich Studierende in ihrem Unialltag schlagen, und wo es unter Umständen Probleme gibt, die bis zum Abbruch des Studiums führen können. Die London South Bank University und die Nottingham Trent University wenden dieses Prinzip bereits an, wie hier im Guardian zu lesen ist.

Was meine ich dazu?

Noch einmal zurück – was genau ist Big Data eigentlich? Es gibt bis dato keine einheitliche Definition, und somit auch keine Eingrenzung des Anwendungsfeldes. Meist werden für die Definition von Big Data die Begriffe „Volume“ (dt. Ausmaß/Umfang), „Velocity“ (dt. Schnelligkeit) und „Variety“ (dt. Vielfältigkeit) genannt, und dass es spezielle Technologie braucht, um die Daten zu analysieren*. Das heißt, der Begriff Big Data bedeutet an sich nur Folgendes: die Datenmengen sind riesig, sie sind schnell wenn nicht sogar unmittelbar verfügbar, und es können sehr viele Datenpunkte auf einmal erfasst werden. Wie das alles genutzt wird und werden kann, das ist nicht festgelegt. Werbung ist eine Möglichkeit, durch die mit Big Data auch noch Geld zu verdienen ist, aber es gibt eben noch andere Anwendungen – wie eben in der Uni.

Aber wie passt Big Data nun in den Unialltag? Nun, es sind an den meisten Universitäten viele Studierende eingeschrieben, die alle eine Menge Datenpunkte liefern können – mit jedem Klick, mit jeder Benutzung einer elektronischen Zugangssperre. Diese Daten können alle zusammen erfasst und z.B. nach Studiengängen ausgewertet werden, und das in fast unmittelbarer Geschwindkeit, in der diese Daten auflaufen. Die London South Bank University schaut sich z.B. nicht nur die Einloggfrequenz im uni-eigenen System an, sondern auch von wo zugegriffen wurde, und welche Inhalte für wie lange angesehen wurden. Die Nottingham Trent University nutzt ein ähnliches System, in welchem z.B. Bibliotheksbesuche erfasst werden, und nach zwei Wochen eine E-Mail an den zuständigen Tutor (meist ein Wissenschaftler aus dem Department des Studierenden) gesendet wird, wenn keinerlei Aktivität im Uni-System stattfindet. Das Ziel ist es, dass der Studienverlauf auf die Gefahr hin analysiert wird, dass der Studierende sein Studium abbrechen könnte – und schließlich rechtzeitig eingegriffen werden kann.

Das klingt doch erst einmal gut – aber tut es das wirklich? Was sagen solche Datenpunkte tatsächlich über die Studienleistung aus? Allein schon, wenn der Studierende eine andere Bibliothek nutzt oder nach Herunterladen der Materialien offline arbeitet, fällt dieses System in sich zusammen. Außerdem können diese Daten nicht messen, inwiefern sich der Studierende mit dem Material auseinandergesetzt und ob er dieses verinnerlicht hat. Vielleicht bekommt der Studierende auch Materialien von seinen Kommilitonen, sodass er sich selbst nur selten einloggt? Davon abgesehen ist diese ständige Datenerfassung auch ein Eingriff in die Privatsphäre. Das Studiensystem muss benutzt werden, es geht kein Weg daran vorbei, um an die Materialien oder Bücher zu kommen, selbst wenn die Verweildauer nur kurz ist. Das heißt, der Studierende muss sich gläsern machen, und ist gezwungen, an der Datensammelei teilzunehmen.

Das ist die Krux von Big Data. Solch ein großer Eingriff in das Arbeitsleben des Studierenden kann helfen – oder als Datenmüllhalde enden, die im Endeffekt nur wenig Aussagekraft hat. Ich selbst halte noch immer viel von Einzelgesprächen, wie über ein Academic Adviser-Programm. Das ist zwar wesentlich zeitaufwendiger als die Datenauswertung, aber ist auf jeden einzelnen Studierenden zugeschnitten. Hier lassen sich Probleme erahnen, und es kann geholfen werden – sofern der Studierende dies will. Die Uni ist keine Schule, in der die Pflicht besteht, ständig anwesend zu sein, oder auch nur den Studiengang zu beenden. Diese Selbstständigkeit, die Freiheit der Entscheidungen sollte erhalten bleiben, und nicht in einem Terror durch die Daten enden.

Fazit

Big Data ist eine faszinierende Sache. Immer mehr Leute sind auf immer mehr Geräten online, und das teilweise sogar rund um die Uhr. Dabei fallen eine Menge Daten an, die alle erfasst und ausgewertet werden können. So auch geschehen z.B. in der London South Bank University, um Studienabbrüchen vorzubeugen. Und wieso auch nicht? Vielleicht gibt die Häufigkeit und Zeit der Einloggvorgänge in das Unisystem tatsächlich Aufschluss darüber, wie gut Studierende mit ihrem Pensum zurechtkommen. Aber vielleicht endet das in einer Datenmüllhalde, die falsche Vorhersagen tätigt und somit Studierende als fälschlicherweise gefährdet einstuft, weil sie nicht wie vorgesehen die Bibliothek benutzt oder die uni-eigene Onlineplattform benutzt haben. Ich möchte Big Data im Studienalltag nicht verteufeln (vor allen Dingen nicht, wenn es tatsächlich helfen kann!), aber wie und zu welchen Zwecken die Datenmengen benutzt werden, das muss genau evaluiert werden.

 

* Wer sich für die genaue Definition in allen Facetten interessiert, wird hier fündig:
De Mauro, Andrea, Marco Greco, und Michele Grimaldi. (2014) What Is Big Data? A Consensual Definition and a Review of Key Research Topics. AIP Conference Proceedings 1644, 97.
Eine kostenlose Pre-print-Fassung findet sich dankenswerterweise auf ResearchGate.

Wer eine unterhaltsame Einführung in das Thema lesen möchte, die nicht an Beispielen spart, ist mit diesem Buch bestens beraten:
Mayer-Schönberger, Viktor, und Kenneth Cukier. (2013) Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird. München: Redline Verlag.

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Allein an der Uni?! – ein Plädoyer für den „Academic Adviser“

(Foto von mir)


„In allen Fächern soll ein umfassendes Betreuungs- und Beratungssystem aufgebaut werden, um es Studierenden zu erleichtern, sich in der Studieneingangsphase auf die Modalitäten eines Universitätsstudiums einzustellen. Zudem soll es vor unnötigen Verzögerungen und Fehlentscheidungen beim Wechsel vom Bachelor zum Master
und vom Master in den Beruf (oder die Promotionsphase) bewahren.“
(Universität Siegen 2012)

 

Was ist passiert?

Die Frage lautet eher, was passiert jeden Tag? Oder besser, was passiert jeden Tag an deutschen Universitäten nicht?

Gute Betreuung, zumindest in vielen Fällen nicht. Es ist kein Geld da, keine Zeit für erweiterte Sprechstunden, und im schlimmsten Fall ist der Professor selbst nie in seinem Büro zu finden.

Da bleibt der Studierende auf der Strecke. Die einen boxen sich so durch, andere geben auf. Und wenn man sich die Statistiken (oder als Studierender selbst den Schwund im ersten Semester) ansieht, geben viel zu viele auf.

Was meine ich dazu?

Das Studium soll etwas sein, das Selbstständigkeit verlangt. Etwas, das nicht genau wie die Schule zuvor auf ständige Kontrolle setzt. Ein Ort der Freiheit, den Dingen nachzugehen, die man lernen möchte.

Ja, dem stimme ich zu. Und ich behaupte, dass all das auch zu Zeiten von Bologna möglich ist. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogeintrags.

Nein, es liegt mir am Herzen, dass all das, was in „die Universität“ hineinprojiziert wird, bei so einigen der Studierenden nicht Freude oder ähnliche Gefühle hervorruft, sondern erst einmal nur Angst. Ein latentes Gefühl der Überforderung, viel zu viel oder viel zu wenig zu machen, nicht zu wissen, ob man wirklich mitkommt, wo man steht, was man kann.

Das ändert sich entweder im Laufe des Studiums durch harte Arbeit an sich selbst und hoffentlich durch ein Netz von Kommilitonen, die sich gegenseitig bei der Bekämpfung dieser Zweifel helfen. Oder es ändert sich eben nicht. Was ist die Folge? Ein frustrierter Studierender, der Freude an seinem selbstgewählten Fach verliert und entweder selbst die Reißleine zieht, oder schließlich von der Universität nach nicht bestandenen Prüfungen exmatrikuliert wird.

Mir scheint es, als werde das alles als ein Naturgesetz an deutschen Universitäten wahrgenommen. Friss oder stirb; wenn du zu schwach bist, fliegst du.

Wie kann man dem entgegen wirken? Ich habe während meiner Studienzeit in England gesehen, dass es gar keinen großen Aufwand braucht, die Studierenden im Auge zu behalten. So habe ich zu Beginn meiner Masterprogramms einen „academic adviser“ zugeteilt bekommen, einen Dozenten aus meinem Department. Dieser Dozent, der außer mir vielleicht noch neun bis zehn weitere Schützlinge hatte, hat mich durch das akademische Jahr geführt – und hat auf mich geachtet.

Einmal durch das Erledigen von Formalia. Ich wurde gebeten, meine Kurswahl mit ihm abzusprechen, und sollte einen kurzen Selbsteinschätzungstest zu meinem Vorwissen aus dem Bachelor vorlegen, den er sich hinterher angesehen hat, und an welchem er meinen Kenntnissstand ablesen und mir dann entsprechende nächste Schritte empfehlen konnte.

Aber es waren nicht die formellen Dinge, die mir geholfen haben. Es waren die Gespräche, die ich mit meinem academic adviser geführt habe – meist über meinen akademischen Fortschritt, über meine Kurse, irgendwann über das Thema meiner Masterarbeit, aber auch über Gott und die Welt. Einmal in die Sprechstunde gehen, und ich hatte das Gefühl, dass es im Studium in die richtige Richtung geht.

Kurzum: ich hatte jemanden, von dem ich wusste, er würde mir helfen, würde es Probleme geben. Ich hatte neben meinen Kommilitonen auch jemanden „Innen“, der die Gepflogenheiten der Universität besser kannte, und der mir außerdem noch immer schnell auf E-Mails geantwortet hat.

Und ja, das kostet Zeit, vor allen Dingen Sprechstundenzeit. Es hört sich nach Schule an, nach einer ständig wiederkehrenden Prüfung. Ich habe das nicht so wahrgenommen. Ich denke, dass regelmäßige Gespräch helfen kann, jemanden auf der Spur zu halten, d.h. mögliche Probleme früh zu erkennen. Eben bevor es zu spät ist, bevor sich viel zu viel Stoff aufgetürmt, der nicht mehr einzuholen ist, und bevor der Studierende schließlich die Universität verlässt.

Ich meine gelesen zu haben, dass ein Drittel der Studienanfänger die Universität ohne Abschluss verlässt – was ist das für eine riesige Zahl! Wie kann das sein?! Da hilft es im Übrigen auch gar nicht, wenn schon in der Einführungswoche gesagt wird, dass über die Hälfte es eh nicht schaffen wird, und wenn ja, dass man mit einem Bachelor eh keinen Job bekommt. Meiner Meinung nach ist es schlimm, sich mit solchen Aussagen regelrecht zu rühmen – es ist eher ein Armutszeugnis für die Lehre.

Und das ist der Knackpunkt – Forschung und Lehre gehören zusammen. Wenn jemand nur forschen will, ist er meiner Meinung nach an einer Universität falsch. Die Lehre muss einen hohen Stellenwert haben, denn nur so wird u.a. Nachwuchs herangezogen.

Das Konzept der „academic adviser“, wie es sie z.B. in Großbritannien gibt, kann auch dabei helfen. Denn wie sollen der Professor oder auch andere Dozenten jemals ihren potentiellen akademischen Nachwuchs kennenlernen, wenn sie ihn nie zu Gesicht bekommen?

Es freut mich, wenn ich sehe, dass einige Universitäten sich daran probieren. Die Universität Siegen zum Beispiel, die sehr umfassend an die Sache herangeht, oder auch die Leuphana Universität Lüneburg, wo die Studierenden auf freiwilliger Basis an einem solchen Programm teilnehmen können.

Hilfe eines Dozenten in Anspruch zu nehmen mindert nicht die eigene Selbstständigkeit, und ist nicht mit Kontrolle gleichzusetzen. Sie macht nur das Leben leichter.

Fazit

Woran liegt es, dass so viele Studierende ihr Studium abbrechen? An einer Falscheinschätzung der eigenen Fähigkeiten vielleicht, an Unglück außerhalb der Uni, an was auch immer. Ich denke, dass es auch an fehlender Betreuung liegt.

Ein „academic adviser“ für jeden Studierenden könnte dieses Problem mindern. Ein Dozent, mit dem man sich ungefähr zweimal im Semester trifft, bei Bedarf auch mehr, und dem man erzählt, „was denn die Uni so macht“. Da würde meines Erachtens schnell durchklingen, wie es dem Studierenden geht, und das kann der Dozent dann auffangen. Unbürokratisch, schnell, und lange, lange vor der Exmatrikulation.

Das kostet Zeit und Geld – könnte aber so manchen Studierenden mehr als nur aus der Patsche helfen.

 

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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