Report & Event: Wie denken die Journalisten in Großbritannien über ihren Job?

journalists_klein(Foto von mir)


Kaum ist die eine Publikation raus, kommt gleich die nächste, und wieder kann ich nicht ohne Stolz berichten.

Aber von vorne: Das erste Projekt, das ich hier in München zusammen mit meinem Chef in Angriff genommen habe, war eine Journalistenbefragung. Und zwar nicht nur irgendeine – wir haben für die Worlds of Journalism Study, die in der gerade aktuellen Runde Journalisten in über 60 Ländern befragt hat, die britischen Journalisten unter die Lupe genommen. Die Fragen an die Journalisten waren vielfältig – von den Arbeitsbedingungen, zum eigenen Rollenverständnis, bis hin zu Ethik war alles dabei (wer sich den allgemeinen Fragebogen ansehen möchte, der in jeweils leicht abgewandelter Form für alle Länder benutzt wurde, kann das mit einem Klick hier tun). Unsere Befragung wurde online durchgeführt, und 700 Journalisten haben wir am Ende in unsere Auswertung hineingenommen.

Eine super Sache mit spannenden Ergebnissen – und daraus haben wir, Neil und ich, zusammen mit Alessio Cornia einen Report gemacht. Dort stellen wir unsere Ergebnisse im Detail vor, und schauen uns also genau an, wie der britische Journalist arbeitet. Der Report ist natürlich nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde dankenswerterweise vom Reuters Institute for the Study of Journalism der University of Oxford produziert und am Ende publiziert. Vielen Dank dafür! Also, hier ist der Report, für alle Interessierten frei verfügbar zum Download (und ein paar wichtige Ergebnisse in Kurzform für die Lesefaulen):

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Das allein wäre ja eine Neuigkeit genug, aber es geht noch weiter: am 9. Mai durften wir unseren Report der Öffentlichkeit präsentieren! Zusammen mit der City University London hat das Reuters Institute for the Study of Journalism ein Event mit dem klangvollen Namen „The British journalist in the digital age“ auf dem Campus der City University organisiert. Gut 200 Leute sind gekommen, um sich die Befunde anzuhören, einen gedruckten Report mitzunehmen, und viele Fragen zu stellen. Außerdem wurde der Report von einem Panel diskutiert, nämlich von Pete Clifton, dem Chefredakteur der Press Association, von Michelle Stanistreet, der Generalsekretärin der Journalisten-Gewerkschaft National Union of Journalists, und von Professor Suzanne Franks von der City University London, die sich als Autorin von ‘Women and Journalism’ einen Namen gemacht hat. Diese tollen Panelisten haben die Diskussion wunderbar eingeleitet, ein paar Ergebnisse kritisch bewertet, bis schließlich das Publikum seine Fragen an den Mann oder die Frau bringen durfte.  Ein toller Abend, an dem der Report sowohl während der Veranstaltung als auch auf Twitter große Wertschätzung erfahren hat. Es ist eine schöne Sache, wenn man seine Arbeit der Öffentlichkeit vorstellen darf, und diese damit auch noch etwas anzufangen wissen.

Ich habe im Übrigen auch fleißig getweetet – und war ziemlich überrascht dass folgender Tweet von mir die Runde gemacht hat:

Nun, der Befund, dass die Journalisten den (anderen?) Nachrichtenmedien nicht über den Weg trauen (und damit sich selber nicht?), hat wohl Anklang gefunden…

Ich freue mich jedenfalls schon auf das nächste Projekt – und das ist übrigens bereits in vollem Gange. Denn die Fahrt nach London war nicht nur für die Präsentation gedacht, sondern auch für die Datenerhebung der nächsten Sache… aber dazu beizeiten mehr, wenn unsere Arbeiten weiter fortgeschritten sind.

Wie gesagt, hier in München am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung ist und bleibt es spannend!

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Willkommen vor der Downing Street – Zutritt verboten!

Please click here for the English version!

(Foto von mir)

 

Was ist passiert?

Im Zuge meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit dem übergeordneten Thema „politische Repräsentation“. Das macht Spaß – auch, wenn es manchmal eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit ist, wie man sich vielleicht bereits denken kann. Hier an meiner Universität in London habe ich die Möglichkeit, das Thema neben meiner Doktorarbeit auf eine andere Art und Weise zu vertiefen. Das tue ich nämlich im Zuge eines Kurses zu qualitativen Methoden, d.h. wo Interviewtechniken, Umgang mit der Analyse von Dokumenten und noch anderes in der Art gelehrt werden. So habe ich während dieses Kurses eine teilnehmende Beobachtung vor der Downing Street No. 10 durchgeführt, d.h. ich habe mich an zwei Tagen jeweils eine Stunde vor diesen Ort gestellt, die Leute dort beobachtet, ihre Tätigkeiten und meine Gedanken dazu aufgeschrieben.

Klingt langweilig? Ganz und gar nicht! Denn allein durch das Beobachten konnte ich eine Menge darüber erfahren, wie mit diesem wichtigen Ort der britischen Politik umgegangen wird.

 

Was meine ich dazu?

Bevor ich ein paar meiner Beobachtungen kundtue, ein paar Worte zu dem Ort. Die Downing Street No. 10 ist der Wohnort des britischen Premierministers, zur Zeit ist das David Cameron von den Conservatives. Der Schatzkanzler wohnt übrigens traditionellerweise gleich daneben, in der Nummer 11. Die Straße an sich ist, wie auf dem Foto zu erkennen, mit einem großen Tor vor neugierigen Passanten abgeschirmt und wird von mehreren Polizisten, von denen einige bewaffnet sind, bewacht. Auf dem ersten Blick kein freundlicher Ort, an welchem der Bürger eingeladen wird, der Politik ganz nah zu kommen.

Erst einmal konnte ich feststellen, dass die Downing Street vor allen Dingen ein Ort für Touristen ist. Das an sich ist nicht überraschend. Viele Leute gehen jeden Tag vorbei, was wohl auch dem Standort der Downing Street geschuldet ist – wer zur Westminster Abbey oder zum Big Ben will und vom Trafalgar Square kommt, läuft während seiner Sightseeing-Tour geradewegs an ihr vorbei. Sehr günstig gelegen, um „mal eben schnell“ ein Foto zu machen. Und obwohl nicht viel zu sehen ist – die berühmte schwarze Haustür mit der „10“ ist viel zu weit hinter dem großen Tor verborgen, als dass man sie auf einem Foto noch erkennen könnte – lassen sich viele Leute freudestrahlend vor dem Tor fotografieren.

Und hier relativiert sich der erste grimmige Eindruck des Ortes mit bewaffneten Polizisten – denn nur die Polizisten, die innen stehen, tragen Waffen. Die, die draußen sind, unterhalten sich gerne und viel mit den Touristen, geben Auskunft zum Weg oder weiteren Sehenswürdigkeiten in der Gegend, und lassen sich auch fotografieren. Bei meiner Beobachtung am gestrigen Samstag zur Mittagszeit haben sich vor allen Dingen glückliche Kinder mit einem Polizisten verewigen lassen. Nun, das ist wohl der Traum von jedem kleinen Jungen (und kleinem Mädchen?), mit einem „echten Polizisten“ zu sprechen.

Neben diesem Spaß gibt es allerdings auch Beobachtungen, die mich nachdenklich gestimmt haben. Nicht wenige der Touristen schauten ratlos auf das Tor und sind anscheinend nur stehengeblieben, weil dort andere Leute mit Kamera standen. „Was ist das hier?“, habe ich mehr als einmal gehört, und die Erklärungen, soweit es sie denn gab, gingen selten über „hier wohnt der Premierminister“ hinaus. Diese Unkenntnis hat mich sehr überrascht. Aber das mag daran liegen, dass es nicht so viel zu sehen gibt – die Haustür des Premierministers ist kaum zu sehen, und auch sonst gibt es kein Schild oder ähnliches, das darauf hinweist, was es mit diesem Ort auf sich hat. Die Houses of Parliament kennt jeder – die Downing Street nicht. Als Anekdote lässt sich hier die Erklärung eines um die zwölf Jahre alten deutschen (!) Jungen aufführen, der meinte, das sei die „Oxford Street“ und hier wohne der „Präsident“. Knapp daneben ist auch vorbei, aber er wusste zumindest in den Grundzügen bereit, was er mit dem Ort auf sich hat.

Natürlich will ich nicht nur schwarz malen. Es gab auch Leute, die freudestrahlend das Straßenschild fotografiert haben – augenscheinlich in Kenntnis über den Ort – und kaum wieder gehen wollten. Aber die Mehrheit hat sich schnell wieder mit gerunzelter Stirn abgewandt und ihren Weg fortgesetzt. Vor allen Dingen war die Enttäuschung groß, so konnte ich es hören, dass man nicht reingehen kann. Einer der Polizisten hat mir erzählt, dass das die wohl häufigste Frage ist, die er gestellt bekommt. Vor 1989 war es wohl möglich, durch die Straße zu laufen – auch als ganz normaler Bürger. Seit 1989 ist das nun wohlbekannte Eisentor da, und regelt den Zutritt – es wurde auf Grund von Angst vor Terroristenattacken errichtet (Downing Street 2012). Die Bevölkerung muss draußen bleiben. Und das tut sie auch. Sie schießt ein Foto, wenn überhaupt, und hastet dann weiter, auf zur nächsten Station der Sightseeing-Tour.

 

Fazit

Was ist die Downing Street nun im Sinne von politischer Repräsentation? Ein Ort für Touristen? Oder doch nicht? Ich behaupte zu sagen, dass die Downing Street kein Gesicht (mehr) hat. Sie mag noch in jedem Touristenführer stehen, aber sie ist nicht eindeutig zu erkennen. Die Tür mit der Nummer 10 ist kaum zu sehen, und das ist es, was den Ort am Besten beschreibt: Es gibt einfach nichts zu sehen, kein Schild, das beschreibt, was die Downing Street ist, gar nichts. Sie ist einfach nur der Wohnsitz der Premierministers, und das war es dann auch. Die Symbolik ist, zumindest in meinen Augen, ziemlich verschwunden – oder wurde durch das große abweisende Eisentor ersetzt.
Dass die schweren Tore vor der Downing Street stehen, ist einerseits verständlich – andererseits wirft es kein gutes Bild auf die Offenheit der Regierung für die Sorgen und Nöte ihrer Bürger. Dass man sich vor 1989 vor die Tür des Premierministers stellen konnte, das war, so finde ich, eine wundervolle Sache, besonders für das Verständnis von Politik und das Vertrauen in diese. Eine symbolische Sache, natürlich, aber eine, die im Gedächtnis geblieben ist, denn ich habe zwei Frauen hören können, die sich daran erinnerten, wie sie in früheren Jahren durch die Downing Street gegangen sind.

Diesen Verlust können auch die freundlichen Polizisten nicht auffangen. Denn wenn die Downing Street zu einem Ort wird, an dem man stehenbleibt, nur weil es andere auch tun, oder nur näher tritt, um nach dem Weg zu fragen, dann hat dieser Ort sehr an Bedeutungskraft eingebüßt. Das ist schade, denn für mich ist die Downing Street einer der spannendsten Orte in ganz London – und ich kann nicht hinein.



Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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Welcome to London – Zurück an der London School of Economics

(Foto von mir)


„Rerum cognoscere causas – Die Ursachen der Dinge erkennen“
(Motto der London School of Economics and Political Science)


Was ist passiert?

Heute mal ein Eintrag in eigener Sache – ich bin zurück an der London School of Economics and Political Science (LSE)! Ich habe meinen Master hier gemacht, und werde nur für ein halbes Jahr bzw. zwei Trimester hier bleiben. Wofür genau? Natürlich um meine Doktorarbeit weiter zu schreiben und quasi ganz nebenbei wieder das aufregende Leben an genau dieser Universität zu genießen.


Was meine ich dazu?

Erst einmal, was ist die LSE? Ganz kurz gesagt, ist die LSE eine der weltweit führenden Universitäten in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. „Sozial- und Wirtschaftswissenschaften“ wird allerdings weit ausgelegt, denn so kann man neben Wirtschaft und Europäischer Politik auch Jura, Finanzwissenschaften und Anthropologie studieren. Hier sind knapp 9000 Studierende zu finden, von denen über die Hälfte „postgraduates“ sind, die also den Bachelor schon haben und hier für den Master oder den Doktor hergekommen sind.

Zu diesen postgraduates gehöre ich jetzt ein zweites Mal. Nach meinem Master in „Politics and Government in the European Union“ am European Institute freue ich mich, jetzt für ein halbes Jahr als „Visiting Research Student“ am Department of Government zu sein. Meinen „Leih-Doktorvater“,
Prof. Simon Hix, kenne ich bereits aus meinem Master, wo er mein „academic adviser“ war (quasi ein Doktorvater für Masterstudierende), und diese Zusammenarbeit führen wir nun fort.

Des Weiteren werde ich verschiedene Kurse belegen. Methoden stehen im Vordergrund – Fragestellungen wie ‚wie führe ich ein strukturiertes Interview mit einem Politiker’ oder wie werte ich meine zuvor gesammelten Daten aus. Aber auch Workshops zu den ganz praktischen Dingen des Doktorandenlebens werde ich belegen, wie zu Möglichkeiten des Publizierens in Fachzeitschriften.
Das ist alles noch in der Planung, und das Angebot an Veranstaltungen an der LSE ist um ein weiteres Mal überwältigend. Denn wären all die Kurse nicht genug, kann man noch Seminare im Careers Center besuchen, oder zu den sogenannten Public Lectures (Vorlesungen oder Podiumsdiskussionen am Abend, meist mit sehr bekannten Gästen) gehen… langweilig wird es jedenfalls nicht werden.


Fazit

Also, das gibt es Neues von mir – was heißt das für dieses Blog? Das heißt, dass es vermutlich wieder ein bisschen mehr britische Politik gibt, denn immerhin bin ich nicht nur täglich an einer der politischsten Universitäten der Welt unterwegs, sondern habe jetzt einen unerschöpflichen Fundus an britischen Tageszeitungen direkt vor meiner Haustür.
Ansonsten gibt es bestimmt hier und da mal einen Eintrag zum britischen Unileben, und wie sich dieses von dem gewohnten deutschen unterscheidet.
Ich bin gespannt, was jetzt alles kommt!

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Allein an der Uni?! – ein Plädoyer für den „Academic Adviser“

(Foto von mir)


„In allen Fächern soll ein umfassendes Betreuungs- und Beratungssystem aufgebaut werden, um es Studierenden zu erleichtern, sich in der Studieneingangsphase auf die Modalitäten eines Universitätsstudiums einzustellen. Zudem soll es vor unnötigen Verzögerungen und Fehlentscheidungen beim Wechsel vom Bachelor zum Master
und vom Master in den Beruf (oder die Promotionsphase) bewahren.“
(Universität Siegen 2012)

 

Was ist passiert?

Die Frage lautet eher, was passiert jeden Tag? Oder besser, was passiert jeden Tag an deutschen Universitäten nicht?

Gute Betreuung, zumindest in vielen Fällen nicht. Es ist kein Geld da, keine Zeit für erweiterte Sprechstunden, und im schlimmsten Fall ist der Professor selbst nie in seinem Büro zu finden.

Da bleibt der Studierende auf der Strecke. Die einen boxen sich so durch, andere geben auf. Und wenn man sich die Statistiken (oder als Studierender selbst den Schwund im ersten Semester) ansieht, geben viel zu viele auf.

Was meine ich dazu?

Das Studium soll etwas sein, das Selbstständigkeit verlangt. Etwas, das nicht genau wie die Schule zuvor auf ständige Kontrolle setzt. Ein Ort der Freiheit, den Dingen nachzugehen, die man lernen möchte.

Ja, dem stimme ich zu. Und ich behaupte, dass all das auch zu Zeiten von Bologna möglich ist. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogeintrags.

Nein, es liegt mir am Herzen, dass all das, was in „die Universität“ hineinprojiziert wird, bei so einigen der Studierenden nicht Freude oder ähnliche Gefühle hervorruft, sondern erst einmal nur Angst. Ein latentes Gefühl der Überforderung, viel zu viel oder viel zu wenig zu machen, nicht zu wissen, ob man wirklich mitkommt, wo man steht, was man kann.

Das ändert sich entweder im Laufe des Studiums durch harte Arbeit an sich selbst und hoffentlich durch ein Netz von Kommilitonen, die sich gegenseitig bei der Bekämpfung dieser Zweifel helfen. Oder es ändert sich eben nicht. Was ist die Folge? Ein frustrierter Studierender, der Freude an seinem selbstgewählten Fach verliert und entweder selbst die Reißleine zieht, oder schließlich von der Universität nach nicht bestandenen Prüfungen exmatrikuliert wird.

Mir scheint es, als werde das alles als ein Naturgesetz an deutschen Universitäten wahrgenommen. Friss oder stirb; wenn du zu schwach bist, fliegst du.

Wie kann man dem entgegen wirken? Ich habe während meiner Studienzeit in England gesehen, dass es gar keinen großen Aufwand braucht, die Studierenden im Auge zu behalten. So habe ich zu Beginn meiner Masterprogramms einen „academic adviser“ zugeteilt bekommen, einen Dozenten aus meinem Department. Dieser Dozent, der außer mir vielleicht noch neun bis zehn weitere Schützlinge hatte, hat mich durch das akademische Jahr geführt – und hat auf mich geachtet.

Einmal durch das Erledigen von Formalia. Ich wurde gebeten, meine Kurswahl mit ihm abzusprechen, und sollte einen kurzen Selbsteinschätzungstest zu meinem Vorwissen aus dem Bachelor vorlegen, den er sich hinterher angesehen hat, und an welchem er meinen Kenntnissstand ablesen und mir dann entsprechende nächste Schritte empfehlen konnte.

Aber es waren nicht die formellen Dinge, die mir geholfen haben. Es waren die Gespräche, die ich mit meinem academic adviser geführt habe – meist über meinen akademischen Fortschritt, über meine Kurse, irgendwann über das Thema meiner Masterarbeit, aber auch über Gott und die Welt. Einmal in die Sprechstunde gehen, und ich hatte das Gefühl, dass es im Studium in die richtige Richtung geht.

Kurzum: ich hatte jemanden, von dem ich wusste, er würde mir helfen, würde es Probleme geben. Ich hatte neben meinen Kommilitonen auch jemanden „Innen“, der die Gepflogenheiten der Universität besser kannte, und der mir außerdem noch immer schnell auf E-Mails geantwortet hat.

Und ja, das kostet Zeit, vor allen Dingen Sprechstundenzeit. Es hört sich nach Schule an, nach einer ständig wiederkehrenden Prüfung. Ich habe das nicht so wahrgenommen. Ich denke, dass regelmäßige Gespräch helfen kann, jemanden auf der Spur zu halten, d.h. mögliche Probleme früh zu erkennen. Eben bevor es zu spät ist, bevor sich viel zu viel Stoff aufgetürmt, der nicht mehr einzuholen ist, und bevor der Studierende schließlich die Universität verlässt.

Ich meine gelesen zu haben, dass ein Drittel der Studienanfänger die Universität ohne Abschluss verlässt – was ist das für eine riesige Zahl! Wie kann das sein?! Da hilft es im Übrigen auch gar nicht, wenn schon in der Einführungswoche gesagt wird, dass über die Hälfte es eh nicht schaffen wird, und wenn ja, dass man mit einem Bachelor eh keinen Job bekommt. Meiner Meinung nach ist es schlimm, sich mit solchen Aussagen regelrecht zu rühmen – es ist eher ein Armutszeugnis für die Lehre.

Und das ist der Knackpunkt – Forschung und Lehre gehören zusammen. Wenn jemand nur forschen will, ist er meiner Meinung nach an einer Universität falsch. Die Lehre muss einen hohen Stellenwert haben, denn nur so wird u.a. Nachwuchs herangezogen.

Das Konzept der „academic adviser“, wie es sie z.B. in Großbritannien gibt, kann auch dabei helfen. Denn wie sollen der Professor oder auch andere Dozenten jemals ihren potentiellen akademischen Nachwuchs kennenlernen, wenn sie ihn nie zu Gesicht bekommen?

Es freut mich, wenn ich sehe, dass einige Universitäten sich daran probieren. Die Universität Siegen zum Beispiel, die sehr umfassend an die Sache herangeht, oder auch die Leuphana Universität Lüneburg, wo die Studierenden auf freiwilliger Basis an einem solchen Programm teilnehmen können.

Hilfe eines Dozenten in Anspruch zu nehmen mindert nicht die eigene Selbstständigkeit, und ist nicht mit Kontrolle gleichzusetzen. Sie macht nur das Leben leichter.

Fazit

Woran liegt es, dass so viele Studierende ihr Studium abbrechen? An einer Falscheinschätzung der eigenen Fähigkeiten vielleicht, an Unglück außerhalb der Uni, an was auch immer. Ich denke, dass es auch an fehlender Betreuung liegt.

Ein „academic adviser“ für jeden Studierenden könnte dieses Problem mindern. Ein Dozent, mit dem man sich ungefähr zweimal im Semester trifft, bei Bedarf auch mehr, und dem man erzählt, „was denn die Uni so macht“. Da würde meines Erachtens schnell durchklingen, wie es dem Studierenden geht, und das kann der Dozent dann auffangen. Unbürokratisch, schnell, und lange, lange vor der Exmatrikulation.

Das kostet Zeit und Geld – könnte aber so manchen Studierenden mehr als nur aus der Patsche helfen.

 

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Schafe oder Wölfe? – Die Briten im Europäischen Parlament

(Foto von mir)

We will have to find a way of operating a new form of associate membership
of the European Union, leaving the core group to set the agenda.
Such detachment will delight the many nationalists and Europhobes in East Anglia.
But those people do not reflect the true national interest.

(Andrew Duff, britisches Mitglied des Europäischen Parlaments, 2011)

 

Was ist passiert?

Was passiert eigentlich bei den jeweiligen Abgeordneten im Europäischen Parlament, wenn sich ihr nationaler Regierungschef gegen europäische Lösungen stellt? Das klingt abstrakt, ist aber trotzdem die Frage des heutigen Eintrags. Und damit es nicht ganz so verworren bleibt, gibt es gleich ein Beispiel: David Cameron, Großbritanniens Premierminister, hat eine flammende Rede auf dem Wirtschaftsforum in Davos gehalten. Es dürfe keine europaweite Börsensteuer geben, ließ er verlauten, und so weiter und so fort (für den vollen Text siehe Cameron 2012) – nichts Neues in Großbritannien, wer hätte auch etwas anderes erwartet. Mein liebster Premierminister poltert wieder, und befremdet damit seine europäischen Partner. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, sondern darum, was die Briten in den anderen Institutionen der Europäischen Union tun, wenn ihr Chef sagt, dass ihm der Kurs der Union nicht gefällt. Folgen Sie ihm?

Was gibt es dazu zu sagen?

Natürlich folgen sie ihm nicht, zumindest nicht per se, denn dann bräuchten wir ja keine Gewaltenteilung. Davon mal ganz abgesehen, dass die Europäischen Institutionen, genauer gesagt, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament, nicht direkt mit den nationalstaatlichen Regierungen verbunden sind, sondern Institutionen einer eigenständigen Organisation sind. Also tun sie erst einmal nichts weiter als ihre Arbeit.

Die Kommissare – die „Regierung“ der Europäischen Union“ –, die britische Kommissarin Catherine Ashton natürlich eingeschlossen, sollen sowieso unabhängig von ihrer Länderzugehörigkeit arbeiten. Ob dem nun in der Realität so ist oder nicht, darf und soll bezweifelt werden (und wurde es, auch abseits von Stammtischpolemik in der akademischen Welt, s. z.B. Wonka (2008), der eine deutliche Länderorientierung der Kommissare findet), aber viel interessanter sind dennoch die Mitglieder des Europäischen Parlaments. Und was die tun, schauen wir uns jetzt genauer an.

Erst einmal die trockenen Fakten: für Großbritannien (inkl. Nordirland) sitzen 72 Abgeordnete im Europäischen Parlament, die aus elf verschiedenen Parteien kommen. Das sind die etablierten Parteien, wie die Conservatives, Liberal Democrats und Labour, aber auch Randparteien.

Und die tun nun wirklich nicht das, was „oben“ von sich gegeben wird.

Mein liebstes Beispiel ist Andrew Duff, ein Abgeordneter der Liberal Democrats. Die Liberal Democrats haben auf der nationalen Regierungsebene ständig im Kampf mit den Conservatives mit ihren pro-europapolitischen Ambitionen zurückstecken müssen, und sind gezwungen, sich einem immer euroskeptischeren Klima in ihrem Land zu beugen. Andrew Duff allerdings kämpft unentwegt für die europäische Idee, und dabei auch für die Wichtigkeit des Europäischen Parlaments. So hat er weitreichende Reformen für das Wahlsystem vorgeschlagen, die weit von seinem heimischen Mehrheits-Wahlsystem abweichen (Duff 2012). Darüber hinaus hat er sich in deutlichen Worten gegen den Kurs der britischen Regierung ausgesprochen:

David Cameron and William Hague came to sabotage the new treaty designed to repair and prevent a repeat of the eurozone crisis. They waved a list of mostly spurious demands designed to protect the narrow interests of the City of London.“ (Duff 2011).

Andrew Duff ist jemand, der von seinen Idealen überzeugt ist, und sich nicht vom Kurs der Regierung abbringen lässt. Er folgt seinem Mandat, für das er gewählt wurde, und lässt sich auf gar keinen Fall zu einer Marionette machen.

Dies ist nur ein Beispiel, aber dennoch lässt sich sagen, dass von britischer Seite keine Demontage stattfindet, nein, alles geht seinen gewohnten Gang. Selbst die europafeindliche Partei UKIP, mit 13 Abgeordneten im Europäischen Parlament vertreten (und so mit zweien mehr als die Liberal Democrats), kann und konnte bisher keinen Aufruhr verursachen.

Das ist in der Geschichte nicht einmalig. Um nur einen kurzen Blick zurück zu werfen: während der „Politik des leeren Stuhls“ in den 1960ern, in denen der französische Präsident Charles de Gaulle die Zusammenarbeit mit den anderen Regierungschefs verweigerte, gingen die (allerdings damals noch nicht vom Volk gewählten) französischen Abgeordneten auch weiterhin ihrer täglichen Arbeit nach – von der Krise war nichts zu spüren.

Es scheint, als hätten die Mitglieder des Europäischen Parlaments ihre ganz eigene Euro-Mentalität entwickelt, die sie von ihrer nationalstaatlichen Auffassung lösen kann. Und das ist gerade für Großbritannien nicht unbedingt eine Schwäche, denn so übt es noch immer Macht aus – es stellt immerhin gut ein Zehntel der Abgeordneten im Europäischen Parlament. Ob Großbritannien diese zentrale Macht und Mitentscheidungskompetenz missen wollen würde? Ich glaube nicht. Das kommt jedenfalls auf meine Liste „Warum Großbritannien nicht aus der EU austreten wird“.

Fazit

Man kann sehen, dass das Europäische Parlament kein verlängerter Arm der Regierungen ist. All diese Freiheiten sind gut so, wie sie sind. Darüber hinaus zeigen sie, dass es ein funktionierendes und freies Europäisches Parlament gibt, das unabhängig von der Regierung bzw. den Regierungen der Nationalstaaten für die Belange der Bürger entscheidet, und somit eine deutliche Daseinsberechtigung hat. Ebenso wie damit die Europäische Union im Übrigen selbst. „Unabhängig von der Regierung“ ist hierbei – wie immer – relativ zu sehen. Natürlich bestehen Abhängigkeiten zurück zum Nationalstaat, denn die Abgeordneten kommen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern werden gewählt. Das heißt,  sie müssen erst einmal von ihren jeweiligen Parteien (die sich im Parlament befinden können) aufgestellt werden, damit sie überhaupt ins Europäische Parlament kommen können. Das ist natürlich eine Hürde, aber meiner Meinung nach keine unüberwindbare.

Dass die britischen Abgeordneten, allen voran Andrew Duff, ihrem Mandat folgen und ganz und gar keine Schafe sind, ist eine großartige Sache, die zeigt, dass die Politik eines EU-Landes, egal wie euroskeptisch, längst nicht mehr von nur einer zentralen Stelle kommt. Das Europäische Parlament ist da, und es ist keine Kaffeerunde. Schade, dass das nicht in den Köpfen ankommt oder auch nur ausreichend von den Medien gezeigt wird.

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Ich weiß, was du letzte Legislaturperiode getan hast

(Screenshot von Guardian 2012)

Was ist passiert?

Politiker hielten ihre Versprechen nicht, Programme gingen unter, niemand könne kontrollieren, was mit den Steuergeldern wie passiere.

Das sind typische Anschuldigungen an Politiker und auch Parteien, wie sie wohl jeder kennt, und Aussagen, die keiner beweisen kann. Wie kann man dem beikommen? Bestimmt nicht durch sporadisches Zeitungslesen, wo nur Dinge aufgegriffen werden, die von Tagesaktualität sind. Wie dann aber dann? Die Zeitung „The Guardian“ hat für die britische Koalition aus Conservatives und Liberal Democrats Abhilfe geschaffen: Den „Coalition Pledge Tracker“ („Versprechen-Finder für die Koalition“). Hier wird für eine große Anzahl an Politikbereichen detailreich aufgelistet, welche Versprechen gehalten oder gebrochen wurden, und welche noch in Bearbeitung sind. Ein Blick auf dieses Feature lohnt sich in jedem Fall, allein für den Aufbau der Seite.


Was meine ich dazu?

Für mich drängte sich sofort die Frage auf: warum gibt es das nicht für Deutschland? Dass zum Beispiel die CDU eine 180°-Wende beim Thema Kernkraft vollzogen hat, das hat wohl jeder mitbekommen, der auch nur ein bisschen politisch interessiert ist. Aber was ist mit den vielen kleinen Dingen, die durch den Bundestag und seine Ausschüsse geistern? Von den Landesregierungen ganz zu schweigen, die sich – überspitzt ausgedrückt – in den Medien nur durch Skandale auf sich aufmerksam zu machen scheinen und ansonsten, abseits von persönlicher Betroffenheit Einzelner und daraus folgender Expertise, eher unsichtbar scheinen.

So ein Feature schafft schnell Transparenz, es lässt sich mit wenigen Klicks auf einzelne Parteiversprechen und –Aktionen zugreifen. Zu jedem Punkt – plakativ beschriftet mit farbig hinterlegten Balken, die den Status, also z.B. „[Versprechen] gehalten“ (im englischen Original „kept“)  anzeigen – gibt es eine Kurzbeschreibung. Die Versprechen können nach verschiedenen Kriterien geordnet werden, so z.B. danach, welche Partei der Koalition etwas vorgeschlagen hat. Das sieht nach einem tollen Instrument aus, Transparenz zu schaffen und den Bürger, in diesem Fall den britischen, schnell und kurz zu informieren.

Aber der Teufel steckt im Detail – wie legt der Guardian fest, wie „schwer“ (englische Bezeichnung: „difficulty“) ein Versprechen zu halten ist? Wie kommen Einschätzungen wie „leicht“ und „vage“ zustande? Ich denke nicht, dass es dafür objektive Kriterien gibt. Auch möchte ich zu bedenken geben, dass komplizierte Sachverhalte hier sehr schnell verkürzt werden können. Natürlich, kann man einwerfen, ist das der Sinn dieses Instruments, etwas schnell und knapp darzustellen, aber für die Bewertung kann das hinderlich sein. Vielleicht wurde ein Versprechen über mehrere Parteigeneration getragen und muss daher einem besonderen Blick unterzogen werden? Vielleicht stehen dort hinter komplexe Vorüberlegungen, die ein Versprechen alleinstehend fraglich aussehen lassen?

Und noch etwas: wer entscheidet, was in diese Auflistung kommt? Beim Guardian erst einmal nur die Wahlversprechen, die in dem Koalitionsvertrag gemacht werden. Aber was ist mit darüber hinaus? Es wird viel zu viel entschieden, das kann gar nicht alles aufgeführt werden – oder etwa doch?

Fragen über Fragen, die Skeptiker stellen können, und die den „Pledge Tracker“ eher wie eine Ansammlung bunter Bildchen aussehen lassen. Besonders, wenn man sich die Statistik auf der Startseite ansieht (s. Bild unten), die alle Versprechen in ihre Kategorien ordnet, von „gehalten“ bis „im Sande verlaufen“. Alle Versprechen werden hier gleich gewichtet – aber ist dem wirklich so? Und wenn nicht, wer bewertet das?

(Screenshot von Guardian 2012)

Fazit

Und ganz am Ende bleibt immer die Frage, die über allem steht: wer schaut sich das an? Ich, weil ich ein Politik-Nerd bin, und das gerne zugebe. Andere Politikwissenschaftler bestimmt auch. Aber die breite Bevölkerung…? Die liest die Schlagzeilen der Tageszeitung. Wo wir wieder am Beginn dieses Blogposts wären. Also: ein schönes Instrument, und mehr nicht? Das wäre doch schade. Ich hoffe jedenfalls darauf, dass auch deutsche Journalisten sich vielleicht einmal an so eine Auflistung setzen. Und falls es so etwas schon gibt, dann bitte ich um einen Link!

Außerdem – wenn der Wahl-O-Mat, der aus Wahlversprechen und der Zustimmung bzw. Ablehnung zu diesen Empfehlungen generiert, wie man wählen könnte, Erfolg hat(te), warum nicht so etwas? Der „Pledge Tracker“ wäre so etwas wie der Livestream der Empfehlungen. Also, hier der arg verspätete Weihnachtswunsch der Politikwissenschaftlerin: ich möchte einen „Pledge Tracker“ für die nächste Bundesregierung!

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Das Empire gibt es nicht mehr – warum Großbritannien nicht aus der EU austreten wird

(Foto und Bearbeitung von mir – der Wunsch der Autorin zu Weihnachten, möchte man meinen)

Was ist passiert?

Großbritannien solle doch aus der Europäischen Union austreten. Am Besten jetzt, die wollten doch noch nie mitmachen.

Wenn ich solche Aussagen höre – und ich höre sie allerorten –, fällt es mir gemeinhin schwer, an mich zu halten.

Was meine ich dazu?

Um eine Sache vorwegzuschicken: Natürlich möchte Großbritannien „mitmachen“. Nur nicht zu den gegenwärtigen Konditionen. Großbritannien ist ein ganz schöner Rosinenpicker, wie sich mit dem Veto von David Cameron wieder gezeigt hat. Beispiele gibt es Zuhauf (die Entscheidung, sich aus dem Euro und aus dem Schengener Abkommen, das die Abschaffung der Grenzkontrollen regelt, herauszuhalten, sind nur zwei sehr prominente), und ich möchte gar nicht weiter darauf eingehen. Aber wer Projekte von der EU fördern lässt, der kann das alles gar nicht so schlimm finden (wie die Hydrogen-Busse für London, Transport for London 2010). Die Rosinen eben, die Prestigeprojekte, und auf denen darf – wie auf den Bussen – dann auch eine kleine EU-Flagge prangen.

Wie auch immer – auch, wenn im Moment an allen Ecken polemisch nach einem Austritt Großbritanniens geschrien wird, denke ich nicht, dass es soweit kommen wird. Hier nur ein paar wirtschaftliche  Gründe.

  • – Handel allgemein: Fast die Hälfte des Handels von Großbritannien geschieht mit der EU. Dort auszutreten und somit auch aus dem gemeinsamen Binnenmarkt, in dem es keine Zölle gibt (von den anderen Freiheiten des Binnenmarktes ganz zu schweigen), wäre für die sowieso stark schwächelnde Wirtschaft Großbritanniens fatal – besonders für das Finanzcenter London.
  • – Jobs: Mit dem Austritt aus der EU würden viele Jobs verloren gehen – und das nicht nur in EU-Vertretungen in London. Viele Jobs hängen am Handel mit der EU, und was ist mit ihnen?
  • – Mit wem sonst handeln?: Mit dem Commonwealth? Das sie mit dem Eintritt in die Europäische Gemeinschaft im Jahre 1973 immer wieder vor den Kopf gestoßen haben (siehe hierfür die erste Grafik von Statistics New Zealand 2011 für den Abfall des Handels mit Neuseeland über die Zeit)? Ich glaube nicht. Das Empire gibt es eben nicht mehr, und die Commenwealth-Staaten sind Großbritannien nicht mehr so zu Diensten wie damals.

Wer sich damit weiter beschäftigen möchte, dem sei ein Artikel von Mitte Dezember aus dem Handelsblatt empfohlen (Neuerer 2011).

Und das war nur der wirtschaftliche Teil. Wie schaut es mit der Kultur aus? Ist Großbritannien kulturell wirklich so isoliert, wie es vorgibt? Gerade bei der jüngeren Generation wage ich das stark zu bezweifeln. Gerade die jüngere Generation steht „Europa“ wesentlich aufgeschlossener gegenüber als die ältere Generation (vgl: dazu Clark 2011 mit einer Umfrage aus dem Guardian) Ob wirklich „alle“ wollen, dass Großbritannien sich vollständig abkapselt? Das wage ich stark zu bezweifeln.

Aber ich will Großbritannien hier nicht schon wieder die Eselsmütze aufsetzen – denn es ist noch immer in der EU vertreten, die britischen Mitglieder der Europäischen Parlaments arbeiten fleißig mit, und in der Tagespolitik scheint diese Krise kaum angekommen zu sein. Man lese nur einen Twitter-Beitrag von dem britischen MdEP Andrew Duff am Tag von David Camerons Veto:

For #EU #federalists this is rather a good day. For the british this is a disastrous day. If you’re both it’s a kinda mixed day.“

Diese lakonische Antwort sagt zumindest mir, dass da noch alles im Lot ist.

Fazit

Und weil Weihnachten ist, möchte ich mir etwas wünschen: Bitte, Großbritannien, schau’ dir genau an, was du tust. Der ewige Außenseiter zu sein wird auf Dauer nur schaden. Denn wer zumindest mitmacht, kann mitbestimmen. Wer draußen ist, muss damit leben, was die anderen entscheiden – und niemand kann vorhersehen, wie das Großbritannien und der ansässigen Wirtschaft gefallen wird. Ich wage trotzdem eine Prognose: es wird düster. Wer wirtschaftlich am Boden liegt, sollte keine großen Sprünge wagen.

Das war ja ein recht unweihnachtlicher Beitrag, aber trotzdem wünsche ich allen meinen Lesern ein wunderschönes Weihnachtsfest – ob nun mit englischem Plumpudding oder nicht, ich werde mich jedenfalls von des Eskapaden Großbritanniens nicht abhalten lassen.

Also noch einmal: Frohes Fest, und wir sehen uns nach Weihnachten wieder. Weitere Beiträge zu Großbritannien sind in Planung – hoffentlich interessiert es euch zum Beispiel auch so wie mich, was die Briten eigentlich so im Europäischen Parlament treiben – oder auch nicht.


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