Traue keiner (Interpretation einer) Studie…

arbeitKlein(Mein Photo und mein kreatives Chaos)

 

Was ist passiert?

… nun, das Zitat, selbst wenn ich es hier in abgewandelter Form benutze, muss ich wohl nicht zu Ende führen. Worum geht es? Um eine Studie der Uni Konstanz, wie sie auf Spiegel Online in Auszügen veröffentlicht wurde. Dabei geht es um die wöchentliche Arbeitszeit, die für das Studium aufgewendet wird. Dazu gibt es unter der Grafik auf Spiegel Online folgendes zu lesen: „Der Studieraufwand setzt sich zusammen aus Lehrveranstaltungen, Selbststudium und Arbeitsgruppen.” Soweit, so gut – nun wurde natürlich nach Fächern aufgeschlüsselt, und hier werden wieder so einige Klischees bedient. Die Mediziner finden sich mit über 40 Wochenstunden am oberen Ende der Skala, die Sozialwissenschaftler am unteren – die Politikwissenschaft liegt bei 26,1 Wochenstunden. Keine Überraschung, könnte man sagen. Oder etwa doch?

Was meine ich dazu?

Solche Studien gibt es immer wieder. Ich möchte auch nicht anzweifeln, dass diese Daten ordentlich erhoben worden sind. Allerdings frage ich mich, wer diese Studierenden waren, die in den Sozialwissenschaften befragt wurden, denn das Ergebnis ließ mich mit einem Fragezeichen zurück. Ich weiß von mir, dass ich wesentlich mehr Zeit pro Woche für mein Politikwissenschaftsstudium aufgewendet habe. Allein das Lesen der Texte für die Vorlesungen und Seminare machte einen großen Teil meines Tages aus, im Bachelor und besonders im Master. Es waren nicht wenige Seiten zu bewältigen, die nur selten den Charakter eines leicht verständlich geschriebenen Lehrbuches hatten. Dazu kamen natürlich noch die Präsenzzeiten in eben diesen Vorlesungen und Seminaren, sowie das Anfertigen von Hausarbeiten, für die ich mich ebenfalls vorbereiten musste. Für mich kann diese angegebene Stundenzahl nicht stimmen, und ich kann von meinen Kommilitonen sagen, dass es diesen genauso gegangen ist.

Wie kommen also diese Zahlen zustande? Ein Blick auf die Webseite der Studie der Uni Konstanz bringt ein wenig Aufschluss. Erst einmal ist der Rücklauf der Umfrage unter den Studierenden recht gering, sodass ein verzerrtes Bild entsteht. Hier möchte ich noch einmal betonen, dass ich den Fehler nicht bei der Forschergruppe sehe – die Auswahl der Studierenden, die befragt werden sollen, erfolgt nach dem Zufallsprinzip, was ich vollkommen unterstütze, und auf den Rücklauf haben die Forscher leider keinen Einfluss. Eine weitere Aufschlüsselung zeigt, dass es im Wintersemester 2012/2013 rund 18 % Rücklauf der Fragebögen gab, was knapp unter 5.000 Studierende in ganz Deutschland macht. Das hier Verzerrungen entstehen, erscheint logisch. Anfang der 1990er lag die Quote der ausgefüllten Fragebögen bei über 45 %, was gerechnet an den jetzigen Werten ein großer Erfolg war. Die Fragen aber bleiben: Wer füllt diese Bögen heute aus? Wieviele Studierende aus welchen Fächern? Das ist der Webseite leider nicht zu entnehmen, wäre aber sehr wichtig, um die Ergebnisse der Studie entsprechend bewerten zu können.

Natürlich habe ich selbst auch eine verzerrte Sichtweise, und mein Wissen von wenigen Universitäten ist auf keinen Fall repräsentativ. Aber dass hier wieder in den Medien der typische Graben Naturwissenschaften-Geisteswissenschaften (wobei die Sozialwissenschaften hierbei fälschlicherweise zu den Geisteswissenschaften gezählt werden) aufgemacht wird, das kann ich nicht gutheißen. Es sind vollkommen unterschiedliche Fachrichtungen, die ebenso unterschiedlich arbeiten. Ja, als Sozialwissenschaftler hat gerade in den höheren Semestern man wesentlich weniger Präsenzzeit in der Universität als ein Naturwissenschaftler. Aber tun wir weniger für die Uni? Nein, ich denke nicht. Wenn ich nach Hause gefahren bin oder mich in die Bibliothek gesetzt habe, hat noch viel Lektüre auf mich gewartet, und damit war der Tag dann auch vorbei – und genauso lang wie der des Naturwissenschaftlers.

Obwohl meines Erachtens Äpfeln mit Birnen verglichen werden, wenn es um den Blick über die Fächer geht, so finde ich solche Studien dennoch wichtig. Allerdings aus der Perspektive, wie sich der Aufwand innerhalb eines Faches entwickelt – tun die Studierenden mehr oder weniger als früher? Woran könnte das liegen? Das sind die Fragen, die sich gerade nach Bologna stellen. Welche Einflüsse – wenn überhaupt welche – hat(te) die Reform? Diese Fragen sind noch immer aktuell, und wesentlich spannender als die ideologisierten Grabenkämpfe zwischen den Fächern.

Hier muss im Übrigen eine Lanze für die Konstanzer Kollegen gebrochen werden, denn der Fragebogen umfasst noch viel mehr Dinge, die genau in diese Richtung gehen, und über die in den Medien nicht halb so viele Worte verloren werden. Zum Beispiel Punkt (6), die Situation der Lehre und der Studienqualität, oder (12) Berufliche Orientierungen und Arbeitsmarkt, darüber hätte ich gerne mehr gewusst. Es muss doch mehr geben als die allgegenwärtigen Plattitüden, dass sich unter Bologna ‚alles‘ verschlechtert hat und ’niemand‘ glaubt, mit dem Bachelorabschluss ‚je einen Job‘ zu bekommen?

Fazit

Studierendenumfragen haben so viel mehr zu bieten als platte Vergleiche, die viel zu häufig Polemik provozieren (wer das nicht glaubt, möge sich die Kommentare zum Spiegel Online-Artikel anschauen). Wie geht es den Studierenden? Was beschäftigt sie? Auch wenn der Rücklauf nicht das ist, was man sich wünscht, können so viel mehr Schlüsse daraus gezogen werden, als dass Sozialwissenschaftler die meiste Zeit ihres Studiums vermeintlich in der Badeanstalt verbringen. Also, wo sind diese Berichte? Ich jedenfalls werde mich jetzt noch ein wenig durch’s Internet wühlen, um Näheres zu erfahren.

 

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Ankündigung – NapoKo Kolloquium 2014

napoko_post(Mein Foto – aufgenommen in der Library of Congress, Washington D.C.)


Liebe Leser,

heute mal eine Ankündigung einer Veranstaltung, die mir sehr am Herzen liegt – das Kolloquium des Nachwuchsnetzwerkes Politische Kommunikation (NapoKo). Und das nicht nur, weil ich es mit organisiere, sondern weil es eine gute Gelegenheit ist, egal ob nun Bachelorstudent oder Post-Doc, seine Arbeit vorzustellen. Und wann findet’s statt? Vom 12. bis zum 14. Juni an der Leuphana Universität Lüneburg. Ich freue mich auf zahlreiche Einreichungen!

Edit: Wir haben jetzt übrigens auch eine schöne Website, auf der mehr Infos zu finden sind: http://www.leuphana.de/zentren/zdemo/promovierende/6-napoko-kolloquium.html

Zielsetzung und Angebot des Kolloquiums

 Das Kolloquium findet jährlich statt und stellt Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern im Bereich der politischen Kommunikation eine interdisziplinäre Plattform zur Präsentation und Diskussion abgeschlossener und laufender Forschungsarbeiten und –projekte zur Verfügung, insbesondere von Dissertationsvorhaben. Die Konferenz bietet dabei ein Forum für den interdisziplinären Austausch mit renommierten politik- und kommunikations-wissenschaftlichen Fachvertretern (Respondents) und für die informelle Vernetzung zwischen den Teilnehmenden im Bereich der politischen Kommunikationsforschung.

Im Mittelpunkt steht daher die Diskussion von Forschungsarbeiten untereinander sowie mit den Experten, die im Gespräch mit den Vortragenden neue Bezugspunkte, interessante theoretische und methodische Schnittstellen und vielfältige Anregungen zur Weiterentwicklung der Forschungsarbeiten liefern. Das Kolloquium ist thematisch offen. Dieser breite und interdisziplinär ausgerichtete Ansatz heißt Einreichungen aus allen Themengebieten der politischen Kommunikationsforschung und alle an politischer Kommunikation interessierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissen-schaftlern aller Qualifikationsstufen (vom Bachelor bis zum Post-Doc) aus der Politik‐ und Kommunikationswissenschaft sowie aus angrenzenden Fächern willkommen.

Einreichungen/Call for Presentations

Interessierte sind eingeladen, ihre Forschungsarbeit (Dissertationen, Magister‐, Master‐ und Bachelorarbeiten sowie studentische Forschungsprojekte) in einem Abstract (800 bis 1.000 Wörter) zusammenzufassen und bis zum 28.02.14 per E‐Mail an mich, Jessica Kunert (Jessica.Kunert@uni.leuphana.de), und Björn Buß (Bjoern.Buss@uni.leuphana.de) zu senden. Wir beide stehen ebenfalls für Fragen zum Call for Papers und zur Veranstaltung zur Verfügung.

 Die Einreichungen sollten dabei die Forschungsfragen, die theoretischen Grundlagen und das (geplante) methodische Vorgehen sowie ggf. Hypothesen und Ergebnisse enthalten. Dem Abstract sollte ein Deckblatt mit Vortragstitel, Namen des Autors, institutioneller Zugehörigkeit, Kontaktdaten und ggf. Betreuer des Projekts beigefügt sein. Die Einreichungen werden durch die Organisatoren in Abstimmung mit externen Experten begutachtet.

Die Rückmeldung über die Annahme zum Vortrag wird im März versandt. Bei Annahme für einen Vortrag im Rahmen des Kolloquiums ist zusätzlich ein Extended Abstract (2.500‐3.000 Wörter) im Mai einzureichen, welches den anderen Teilnehmern vor der Veranstaltung zur Verfügung gestellt werden soll.

Für das ausrichtende Zentrum für Demokratieforschung

Für das Nachwuchsnetzwerk politische Kommunikation (NapoKo)

Jessica Kunert, Lüneburg

Susan Schenk, Dresden

Björn Buß, Lüneburg

Lutz Hofer, Amsterdam

Ganz kurz zum Schluss: Was ist das NapoKo eigentlich?

Das Nachwuchsnetzwerk politische Kommunikation (NapoKo) richtet sich bereits seit 2004 an Nachwuchswissenschaftlerinnen und ‑wissenschaftler, Absolventen und Studierende, die sich für Fragen der politischen Kommunikation interessieren sowie nach Möglichkeiten des informellen und interdisziplinären Austausches mit Gleichgesinnten suchen. Das Netzwerk veranstaltet Workshops und Kolloquien und bietet den Mitgliedern über seine Webseite (napoko.de) weitere Gelegenheiten zum Informationsaustausch.

NapoKo wird durch den DVPW-Arbeitskreis Politik und Kommunikation sowie die DGPuK-Fachgruppe Kommunikation und Politik unterstützt.

Wünsche ein gutes 2013 gehabt zu haben!

instagramklein(Mein Bild)

 

2014 wird aufregend.

Viele Pläne, und ein paar gute Vorsätze, die ich hoffentlich am Ende nicht brechen werde. Einer davon ist, mehr zu bloggen – aber das wird kommen, und zwar spätestens, wenn es näher an die Europawahl in der Mitte des Jahres herangeht. Aber auch zu meiner Forschung möchte ich dann und wann ein bisschen mehr berichten.

Denn auch im Zuge meiner Doktorarbeit bzw. meines Doktorandenlebens ist viel geplant, aber dazu im neuen Jahr mehr; gestartet wird in den kommenden Tagen mit einer Ankündigung. Und dann… nun, auch das gehört alles zu den guten Vorsätzen.

Erst einmal bedanke ich mich bei allen Lesern und wünsche einen guten Rutsch und ein tolles, erfolgreiches Jahr 2014!

Radio hören! – Interview mit Euranet

gb_kleinPlease click here for the English version!

radio(Foto von mir)


Was ist passiert?

Anfang diesen Monats wurde ich vom Europäischen Radionetzwerk „Euranet“ interviewt. Das Gespräch mit Reporterin Urte Modlich war eine tolle Erfahrung – obwohl ich zugeben muss, dass ich sehr aufgeregt war. Aber nun, es hat alles geklappt und ich möchte nun hier zwei Beitrage zeigen, die bereits gesendet wurden.

Was meine ich dazu?

Euranet beschäftigt sich – wie der Name schon verrät – mit Europäischen Themen. Ich selbst wurde gefragt, ob ich etwas zum Europäischen Parlament sagen könne. Natürlich habe ich zugestimmt, denn was gibt es in der Politikwissenschaft Schöneres als das Europäische Parlament und seine Arbeit, nicht wahr?

Im ersten Beitrag geht es darum, dass Helmut Schmidt zu einer „Revolte“ des Europäischen Parlaments aufgerufen hat, er meint, es solle für mehr institutionelle Rechte kaempfen. Das habe ich in folgendem Beitrag kommentiert:

listen(Einmal auf den Kopfhörer klicken!)

Im zweiten Beitrag war das Europäische Bürgerjahr 2013 (falls noch nicht bekannt, lohnt sich ein Blick auf die Website) Thema. Hier habe ich ein paar Dinge zum Europäischen Büegerbeauftragten und dem Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments erzählt:

listen(Einmal auf den Kopfhörer klicken!)

Fazit

Dieses Interview war eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte – vor allen Dingen nicht, da es um eines meiner Lieblingsthemen ging! Vielen Dank für’s Zuhören, bleibt mir da nur zu sagen.

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

  • Ein großer Dank geht an Euranet und Urte Modlich!

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…und das war 2012!

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jahres_1(Foto von mir – das ist Lüneburg!)

Was ist passiert?

Oder besser, was wird in ein paar Stunden passieren? Na klar, der Jahreswechsel! Zeit für mich, um auf ein paar (akademische) Highlights des Jahres 2012 zurückzuschauen.

1. Start als Doktorandin

Angefangen hat dieses Blog im Oktober 2011 mit mir als Doktorandin „in spe“, aber diesen Zusatz konnte ich schnell ablegen. Ende Oktober 2011 habe ich eine Betreuungszusage von meinem Doktorvater, Prof. Florian Grotz, bekommen, und im Februar 2012 konnte ich mich dann offiziell an der Leuphana Universität Lüneburg einschreiben. Seither ist noch nicht einmal ein Jahr vergangen, aber so viel passiert – wer hätte gedacht, dass das Doktorandendasein immer so spannend ist? Natürlich gab es auch hier Steine, die im Weg lagen, aber die konnte ich zum Glück alle aus dem Weg räumen. Es ist ganz anders als mein Studentenleben während des Bachelors oder des Masters – ich bin jetzt „erwachsen“ in der akademischen Welt. Das ist immer eine Herausforderung und macht Spaß – ich hoffe, dass es 2013 so weitergeht.

2. GOR12 Thesis Competition

Wie ich in einem früheren Artikel bereits geschrieben habe, habe ich im März eine Konferenz besucht – die General Online Research Conference (kurz: GOR). Dort habe ich in der sogenannten „Thesis Competition“ meine Masterarbeit vorstellen können. Dies war ein Wettbewerb für abgeschlossene Master- und Doktorarbeiten; nach einer Vorauswahl durften sechs Leute ihre Arbeit dem Konferenzpublikum vortragen. Ich war einen von ihnen – da war die Aufregung groß! Da sich mein Doktorarbeitsthema eng an meine Masterarbeit anlehnt, war der Vortrag noch auf ganz anderer Ebene wichtig für mich – würde mein Thema überhaupt für andere interessant sein? Meine Antwort habe ich bekommen – da ich gewonnen habe, nehme ich mal an, dass es nicht ganz langweilig sein kann… Eine große Sache war das!

3. Zurück an die LSE

Ich habe meinen Master an der LSE gemacht, und diese Universität seit meinem Weggang sehr vermisst. Es war für mich etwas ganz Besonderes, dort zu studieren – alle meine Lieblingsthemen (Europa natürlich) und spannende Leute vereint. Ein Glück, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, zurück zu gehen, nur eben diesmal als Doktorandin. Dort konnte und kann ich weiter mit meinem ehemaligen academic adviser (jetzt supervisor), Prof. Simon Hix, arbeiten – und ich bin zurück in London! Hier kann ich alles mitnehmen, von Kursen zu Methoden bis Workshops zu allen möglichen Facetten des Doktorandenlebens, und kann dann im April 2013, wenn ich wieder in Lüneburg bin, aus diesen Erfahrungen schöpfen. Ich habe jetzt noch drei Monate an der LSE – 2013 fängt gut an!

Fazit

Von diesen drei Highlights einmal abgesehen sind natürlich noch viele kleine Dinge passiert, die ich hier gar nicht auflisten kann, aber die das Jahr großartig gemacht haben. Danken möchte ich auch meinen Lesern – es tut gut zu sehen, dass häufiger mal jemand hierher findet!

Für nächstes Jahr ist eine Menge geplant – natürlich auch im akademischen Umfeld. Man darf gespannt bleiben!

Ich wünschen allen einen guten Rutsch und ein erfolgreiches Jahr 2013!

jahres_2(Foto von mir – ein Ausblick auf das kommende Jahr…)

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Allein an der Uni?! – ein Plädoyer für den „Academic Adviser“

(Foto von mir)


„In allen Fächern soll ein umfassendes Betreuungs- und Beratungssystem aufgebaut werden, um es Studierenden zu erleichtern, sich in der Studieneingangsphase auf die Modalitäten eines Universitätsstudiums einzustellen. Zudem soll es vor unnötigen Verzögerungen und Fehlentscheidungen beim Wechsel vom Bachelor zum Master
und vom Master in den Beruf (oder die Promotionsphase) bewahren.“
(Universität Siegen 2012)

 

Was ist passiert?

Die Frage lautet eher, was passiert jeden Tag? Oder besser, was passiert jeden Tag an deutschen Universitäten nicht?

Gute Betreuung, zumindest in vielen Fällen nicht. Es ist kein Geld da, keine Zeit für erweiterte Sprechstunden, und im schlimmsten Fall ist der Professor selbst nie in seinem Büro zu finden.

Da bleibt der Studierende auf der Strecke. Die einen boxen sich so durch, andere geben auf. Und wenn man sich die Statistiken (oder als Studierender selbst den Schwund im ersten Semester) ansieht, geben viel zu viele auf.

Was meine ich dazu?

Das Studium soll etwas sein, das Selbstständigkeit verlangt. Etwas, das nicht genau wie die Schule zuvor auf ständige Kontrolle setzt. Ein Ort der Freiheit, den Dingen nachzugehen, die man lernen möchte.

Ja, dem stimme ich zu. Und ich behaupte, dass all das auch zu Zeiten von Bologna möglich ist. Aber das ist nicht das Thema dieses Blogeintrags.

Nein, es liegt mir am Herzen, dass all das, was in „die Universität“ hineinprojiziert wird, bei so einigen der Studierenden nicht Freude oder ähnliche Gefühle hervorruft, sondern erst einmal nur Angst. Ein latentes Gefühl der Überforderung, viel zu viel oder viel zu wenig zu machen, nicht zu wissen, ob man wirklich mitkommt, wo man steht, was man kann.

Das ändert sich entweder im Laufe des Studiums durch harte Arbeit an sich selbst und hoffentlich durch ein Netz von Kommilitonen, die sich gegenseitig bei der Bekämpfung dieser Zweifel helfen. Oder es ändert sich eben nicht. Was ist die Folge? Ein frustrierter Studierender, der Freude an seinem selbstgewählten Fach verliert und entweder selbst die Reißleine zieht, oder schließlich von der Universität nach nicht bestandenen Prüfungen exmatrikuliert wird.

Mir scheint es, als werde das alles als ein Naturgesetz an deutschen Universitäten wahrgenommen. Friss oder stirb; wenn du zu schwach bist, fliegst du.

Wie kann man dem entgegen wirken? Ich habe während meiner Studienzeit in England gesehen, dass es gar keinen großen Aufwand braucht, die Studierenden im Auge zu behalten. So habe ich zu Beginn meiner Masterprogramms einen „academic adviser“ zugeteilt bekommen, einen Dozenten aus meinem Department. Dieser Dozent, der außer mir vielleicht noch neun bis zehn weitere Schützlinge hatte, hat mich durch das akademische Jahr geführt – und hat auf mich geachtet.

Einmal durch das Erledigen von Formalia. Ich wurde gebeten, meine Kurswahl mit ihm abzusprechen, und sollte einen kurzen Selbsteinschätzungstest zu meinem Vorwissen aus dem Bachelor vorlegen, den er sich hinterher angesehen hat, und an welchem er meinen Kenntnissstand ablesen und mir dann entsprechende nächste Schritte empfehlen konnte.

Aber es waren nicht die formellen Dinge, die mir geholfen haben. Es waren die Gespräche, die ich mit meinem academic adviser geführt habe – meist über meinen akademischen Fortschritt, über meine Kurse, irgendwann über das Thema meiner Masterarbeit, aber auch über Gott und die Welt. Einmal in die Sprechstunde gehen, und ich hatte das Gefühl, dass es im Studium in die richtige Richtung geht.

Kurzum: ich hatte jemanden, von dem ich wusste, er würde mir helfen, würde es Probleme geben. Ich hatte neben meinen Kommilitonen auch jemanden „Innen“, der die Gepflogenheiten der Universität besser kannte, und der mir außerdem noch immer schnell auf E-Mails geantwortet hat.

Und ja, das kostet Zeit, vor allen Dingen Sprechstundenzeit. Es hört sich nach Schule an, nach einer ständig wiederkehrenden Prüfung. Ich habe das nicht so wahrgenommen. Ich denke, dass regelmäßige Gespräch helfen kann, jemanden auf der Spur zu halten, d.h. mögliche Probleme früh zu erkennen. Eben bevor es zu spät ist, bevor sich viel zu viel Stoff aufgetürmt, der nicht mehr einzuholen ist, und bevor der Studierende schließlich die Universität verlässt.

Ich meine gelesen zu haben, dass ein Drittel der Studienanfänger die Universität ohne Abschluss verlässt – was ist das für eine riesige Zahl! Wie kann das sein?! Da hilft es im Übrigen auch gar nicht, wenn schon in der Einführungswoche gesagt wird, dass über die Hälfte es eh nicht schaffen wird, und wenn ja, dass man mit einem Bachelor eh keinen Job bekommt. Meiner Meinung nach ist es schlimm, sich mit solchen Aussagen regelrecht zu rühmen – es ist eher ein Armutszeugnis für die Lehre.

Und das ist der Knackpunkt – Forschung und Lehre gehören zusammen. Wenn jemand nur forschen will, ist er meiner Meinung nach an einer Universität falsch. Die Lehre muss einen hohen Stellenwert haben, denn nur so wird u.a. Nachwuchs herangezogen.

Das Konzept der „academic adviser“, wie es sie z.B. in Großbritannien gibt, kann auch dabei helfen. Denn wie sollen der Professor oder auch andere Dozenten jemals ihren potentiellen akademischen Nachwuchs kennenlernen, wenn sie ihn nie zu Gesicht bekommen?

Es freut mich, wenn ich sehe, dass einige Universitäten sich daran probieren. Die Universität Siegen zum Beispiel, die sehr umfassend an die Sache herangeht, oder auch die Leuphana Universität Lüneburg, wo die Studierenden auf freiwilliger Basis an einem solchen Programm teilnehmen können.

Hilfe eines Dozenten in Anspruch zu nehmen mindert nicht die eigene Selbstständigkeit, und ist nicht mit Kontrolle gleichzusetzen. Sie macht nur das Leben leichter.

Fazit

Woran liegt es, dass so viele Studierende ihr Studium abbrechen? An einer Falscheinschätzung der eigenen Fähigkeiten vielleicht, an Unglück außerhalb der Uni, an was auch immer. Ich denke, dass es auch an fehlender Betreuung liegt.

Ein „academic adviser“ für jeden Studierenden könnte dieses Problem mindern. Ein Dozent, mit dem man sich ungefähr zweimal im Semester trifft, bei Bedarf auch mehr, und dem man erzählt, „was denn die Uni so macht“. Da würde meines Erachtens schnell durchklingen, wie es dem Studierenden geht, und das kann der Dozent dann auffangen. Unbürokratisch, schnell, und lange, lange vor der Exmatrikulation.

Das kostet Zeit und Geld – könnte aber so manchen Studierenden mehr als nur aus der Patsche helfen.

 

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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Happy Birthday, Bachelor und Master: Warum es Grund zum Feiern gibt

(Foto von mir)

Was ist passiert?

Die Sommerpause des Blogs ist vorbei – also, gleich wieder ran an ein bisschen Politik.

Die Diskussion um die Studienabschlusskrieg „Bachelor/Master vs. Diplom“ ist ja bereits seit gut zehn Jahren in Gange, seitdem die Reform beschlossen wurde. Aber was ist heute daraus geworden? Haben die neuen (und mittlerweile in Deutschland weitgehend eingeführten) Studienabschlüsse Erfolg? Haben sie Akzeptanz gefunden, sowohl in der Wirtschaft als auch bei den Studierenden?

Die Antwort lautet: jein. Es gibt viele Befürworter, und gefühlt noch viel mehr Gegner, sogar der Direktor der Hochschulrektorenkonferenz poltert munter vor sich hin. Aber es ist nun einmal, was es ist – und hier kommt meine Meinung dazu. Denn jeder scheint eine Meinung dazu zu haben – egal, ob er oder sie jemals direkt mit dem neuen System in Berührung gekommen ist, oder eben nicht. Das Herbeirufen des „Untergangs des Abendlandes“ ist da häufig nicht weit – und dagegen möchte ich nun mit meinen eigenen Erfahrungen angehen.  Das ist natürlich nicht objektiv (wie es all die anderen Meinungen auch nicht sind), sondern eine ganz persönliche Geschichte.

Und Überraschung: es gibt für mich ein positives Fazit.

Was meine ich dazu?

Meinungen zum Bachelor/Master-System bekommt man ungefragt allerorten, selbst dort, wo man es thematisch nicht vermutet. Andauernd auf dieses Thema zurückkommende Diskussionen im Spiegel-Online-Forum, um nur einen einzigen Schauplatz der vielen Kämpfe zu nennen, sind ein gutes Beispiel dafür. Denn dort wird häufig alles Übel in der deutschen Hochschullandschaft auf die neuen Abschlüsse zurückgeführt, ob es thematisch nun passt oder nicht.

Aber warum? Zunächst einmal sind das häufig sehr persönliche Einschätzungen. Man hört von den Alt-Diplomern und diejenigen, die im neuen System studieren. Die Alt-Diplomer beklagen sich, dass „früher“ generell alles besser war. Und die Bachelorabsolventen? Die stimmen häufig auch noch zu!

Ich selbst habe gerne im Bachelor/Master-System Politikwissenschaft studiert. Und – Überraschung – ich bin sehr gut damit gefahren.

Hier ein paar Antworten drei ausgewählte Vorwürfe, die häufig in den Raum geworfen werden:

1. „Die Strukturen engen viel zu sehr ein“
Ich mochte die Struktur, die das Studium sowohl im Bachelor, als auch im Master vorgegeben hat – ich habe mich nie eingeengt gefühlt, sondern hatte das Gefühl, einen breiten Überblick zu bekommen, ehe ich mich auf meine Lieblingsthemen gestürzt habe. Die vielen Kurse zu z.B. Methoden haben vielleicht nicht immer Spaß gemacht, aber genau diese Kenntnisse sind für mich heute unabdingbar. Also, Struktur muss nicht unbedingt etwas schlechtes sein. Denn auch wenn ich mich später auf die Europäische Union spezialisiert habe, so wäre das alles nur wenig sinnvoll ohne Kenntnisse zur Wirtschaftspolitik, zum Parlamentarismus und politischen Systemen, oder zu den Theorien der Internationalen Beziehungen.
Also: Struktur kann helfen, um an (u.U. wenig geliebtes) Basiswissen zu kommen.

2. „Im Bachelor bleibt keine Zeit für’s Ausland“
Jein. Auch ich habe so gedacht, das aber nie als Nachteil gesehen. Denn ich habe mir sehr früh vorgenommen, den Bachelor in Deutschland fertigzumachen, und dann für den Master ins Ausland zu gehen. Und so ist es gekommen – das Gute dabei war, dass ich das neue Hochschulsystem in seiner Gänze kennengelernt habe, mit den „richtigen“ Prüfungen und Anforderungen, und am Ende eben auch mit einem Zeugnis dieser Uni. Die Anerkennung meines sechssemestrigen Bachelors lief reibungslos, und mit dem Wissen, das ich in diesem erworben hatte, konnte ich ohne Probleme mithalten. Das Austauschprogramm Erasmus hätte es übrigens in meinem Fachbereich ohne Probleme mit Anerkennung von Leistungen gegeben, wenn ich das gewollt hätte.
Also: Es bleibt Zeit für’s Ausland, aber sie muss geplant werden – egal, ob nun für einen ganzen Studiengang oder für Erasmus.

3. „Ihr Bachelors und Masters lernt ja alle eh nichts“
Um einen meiner damaligen Dozenten zu zitieren: „Studium ist, was ihr draus macht – und das gilt besonders im Bachelor und Master“. Niemand kommt an der Uni und macht einem den Stundenplan, bringt einen zu den Räumen oder Ähnliches. Studium heißt selbstständig sein, und wer das war, konnte sich, zumindest bei mir (da wären wir wieder bei den persönlichen Erfahrungen) gut durchschlagen. Aber das bedeutete Aufwand. So konnte ich Kurse belegen, die eigentlich außerhalb meiner Wahlmöglichkeiten lagen, da im Master angesiedelt – aber zwei E-Mails haben das geklärt, und ich war drin, und das ist nur ein Beispiel. Ansonsten kommt es natürlich auf das Programm an, das man studiert, und auch hier gilt: vorher informieren, das beugt Enttäuschungen vor.
Also: ich habe eine Menge gelernt – durch Eigeninitative.

Fazit

Wenn alle ihre persönlichen Erfahrungen zum „neuen“ System auspacken, dann darf ich das auch. Und was habe ich vorgefunden? Ein für mich absolut „studierbaren“ Studiengang, der mich perfekt auf die Anforderungen der folgenden Schritte, Master und Promotion and anderen Unis, vorbereitet hat. Ich konnte nach dem Bachelor bequem die Uni wechseln, und genau das weiterstudieren, was ich wollte. Das war und ist mir wichtig.

Das ist natürlich nicht überall so, jeder Studiengang ist anders. Aber dennoch hilft es manchmal, nicht nur zu meckern, sondern das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen… bevor man das gesamte System verteufelt.

Kurzum: Ich habe das Diplom nie kennengelernt – und ich vermisse nichts.


Worauf stützt sich dieser Blogpost?

  • – eigene Erfahrungen und häufige Lektüre der Spiegel-Online-Kommentare in der Unispiegel-Sektion

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