Publikation: Investigativjournalismus und digitale Innovationen

… so könnte das Fazit meiner neuen Publikation lauten. Aber von vorne: Endlich ist ein mir sehr wichtiger Forschungsartikel in Journalism Studies erschienen:

How Investigative Journalists Around the World Adopt Innovative Digital Practices

Diese Forschung ist in einem wunderbaren Team entstanden: Jannis Frech, Michael Brüggemann, Volker Lilienthal, Wiebke Loosen und ich haben daran gearbeitet. Und was haben wir herausgefunden?

Zunächst: Wir haben 133 Investigativjournalist:innen interviewt. Das allein ist schon beeindruckend, außerdem verteilen sich diese auf 60 Länder. Besonders gut gefällt mir, dass wir darunter viele Journalist:innen aus dem globalen Süden haben. Aber wie kommt man an diese Menschen? Da hat uns Thomas Schnedler von Netzwerk Recherche geholfen, denn ohne ihn hätten wir keinen Zugang zur Global Investigative Journalism Conference gehabt, der größten und wichtigsten Konferenz für Investigativjournalist:innen aus aller Welt. Dort konnten wir dann unsere Interviews führen – eine einmalige Gelegenheit.

Aber was sind denn nun unsere Ergebnisse? Wir haben festgestellt, dass unsere Journalist:innen oft alltägliche statt ausgefallener Technik verwenden. Das wird für unsere westlichen Augen sogar alltäglich: So wird das Smartphone vor allem im globalen Süden als mitunter wichtigstes Arbeitsmittel gelobt. Aber auch kostenlose Apps wie z.B. Google stehen hoch im Kurs und werden überall auf der Welt verwendet. Warum keine ausgefallene Technik? Die Antwort liegt in fehlender Technikkompetenz. Eine große Mehrheit unserer Journalist:innen fühlt sich unter Druck gesetzt, sich immer wieder neue Technik anzueignen – und geben mitunter auf. Das Hauptproblem ist dabei fehlendes Wissen über digitale Sicherheit, und sie fühlen sich oft hilflos angesichts digitaler Überwachung und möglicher Konsequenzen. Das geht Journalist:innen auf der ganzen Welt so – der ständige technische Fortschritt ist zu viel für begrenzte Budgets, und Zeit gibt es ohnehin nie genug. Hinzu kommt, dass es besonders den Journalist:innen im globalen Süden schwer gemacht wird, auf Datenbanken zuzugreifen. Somit verlieren sie schon viel Zeit damit, überhaupt an Informationen zu kommen, die in anderen Ländern ohne Probleme zur Verfügung gestellt werden.

Doch es gibt Hoffnung, denn die Journalist:innen machen das Beste aus ihrer Situation: Unsere Journalisten berichten, dass Sie sich für ihre Geschichten in nationalen und internationalen Teams zusammenfinden. Sie können so Geschichten nicht nur umfassender bearbeiten, sondern auch ihre jeweiligen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen. Ein Team zusammenzurufen, das alle wichtigen Fähigkeiten vereint, ist dadurch schon selbst eine wesentliche Fähigkeit geworden. So teilen sie knappe Ressourcen, was besonders für den globalen Süden von höchster Wichtigkeit ist.

Aber nicht alles lässt sich mit Technik lösen und traditionellen Ansätze verlieren nicht an Wichtigkeit. Manche Themen und Quellen sind einfach nicht digital oder online verfügbar, und das gute alte „die Ohren und Augen überall haben“ bleibt unverzichtbar. Und das ganz offline! Letztendlich geht es unseren Journalist:innen immer um ihren journalistischen Auftrag, den es zu erledigen gilt, und nicht darum, mit welchen (technischen) Mitteln sie dies erreichen.

Was bedeutet das alles? Technische Innovationen werden aufgrund kontextbezogener Faktoren, die vor allem den globalen Süden betreffen, unterschiedlich schnell angenommen. Das bedeutet, dass es für die Journalist:innen nicht einfach ist, sich neue Technik anzueignen. Das betrifft Journalist:innen aus aller Welt, denn im Allgemeinen sind unsere Journalisten oft „Nachzügler wider Willen“, was neue Technik angeht, auch weil es ihnen an digitalen Fähigkeiten mangelt.

Ich freue mich sehr über diese Publikation – und jetzt auf zu neuer Forschung!