Neue Publikation: Automatisierter Sportjournalismus in Deutschland

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Eben war da noch die Vorfreude – jetzt ist einer der Artikel endlich da! Ein Herzensprojekt von mir wurde publiziert – eine Bestandsaufnahme zur Nutzung und Wahrnehmung von automatisiertem Sportjournalismus in Deutschland. Dass Spielberichte, vor allen Dingen in Amateur-Fußballligen automatisiert produziert werden, ist nämlich keine Seltenheit mehr; gerade auf den Webseiten, auf denen Spiele bis in die untersten Ligen detailreich betextet werden, kann man sich fast sicher sein, dass ein Algorithmus dahintersteckt. Das gilt umso mehr, wenn sich in diesen Texten viele statistische Angaben verstecken, z.B. zur Anzahl von gelben Karten, von Torschüssen, oder minutengenauen Spielerwechseln. Da wollte ich mehr wissen – welche Firmen stecken dahinter? Wie sieht so ein Arbeitsprozess aus, bis der automatisiert erstellte Artikel auf der Website der Medien landet? Und was sagen eigentlich die Sportjournalisten dazu?

Dazu habe ich mir in meiner Studie die gesamte Produktionslinie der automatisierten Nachrichten angeschaut, d.h. angefangen bei den Firmen, die die Daten sammeln, über die Softwarefirmen, und schließlich hin zu den Journalisten. Das waren insgesamt zehn Interviewpartner aus ganz Deutschland, hinzu kam noch der DFB, der auf seiner eigenen Plattform fussball.de ebenfalls automatisierte Spielberichte veröffentlicht.

Der gesamte englischsprachige Artikel in der Fachzeitschrift Media and Communication lässt sich hier kostenlos lesen und mit einem Klick als pdf herunterladen:

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Wem das zu viel ist, bekommt hier meine vier Kernergebnisse:

  1. Journalistische und nicht-journalistische Akteure (d.h. die Daten- und Softwarefirmen) arbeiten über die gesamte Produktionslinie hinweg eng zusammen. So stellen die Daten- und Softwarefirmen nicht nur ihre Produkte bereit, sondern sind den Journalisten auch bei der Arbeit mit den Daten und bei der Benutzung der Software behilflich. Die Journalisten helfen aber auch den externen Firmen, indem sie an der Weiterentwicklung der Software bzw. des dahinterliegenden Algorithmus beteiligt sind.
  2. Der Einsatz von Automatisierung und Algorithmen erlaubt es den Medien, ein breites Nachrichtenangebot für Amateurligen anzubieten. Das wäre ohne Automatisierung gar nicht möglich, da es für eine manuelle Betextung nicht genügend Personal gibt, um diese vielen Spiele abzubilden. Diese Hilfe nehmen die Journalisten gerne an, und sehen es als einen Service für ihre Leser, selbst Spiele aus den untersten Ligen detailreich beschreiben zu können, selbst wenn sie eben nicht selbst anwesend waren. Das gilt besonders für die Vor- und Nachberichterstattung, in der viele Statistiken eingesetzt werden.
  3. Es klang schon an, aber hier nochmal explizit: Automatisierte Sportberichterstattung lohnt sich in Deutschland bisher nur für Amateurfußball. Für alle anderen Sportarten gibt es entweder nicht genügend Daten oder es liegt kein Business Case vor. Fußball ist und bleibt eben König, auch wenn sich ein Journalist enthusiastisch geäußert hat, Automatisierung auch für den Wintersport einsetzen zu wollen. Aber alles wäre nicht mehr als ein „Hobby“, selbst wenn es Daten gäbe, sagt wiederum eine der Softwarefirmen.
  4. Der Einsatz von Automatisierung bleibt natürlich nicht ohne Bedenken. Die Journalisten sind zwar generell zufrieden mit der erhöhten Quantität ihrer Artikel, aber viele sehen wiederum die Qualität der Artikel als gering an – als langweilig, blutleer, eben nicht als das, was Sportberichterstattung ihrer Meinung nach auszeichnet. Das heißt, dass viele der interviewten Medienhäuser die automatisiert erstellten Artikel mit all ihren Statistiken und Daten als Grundlage nehmen, um dann daraus händisch einen Bericht mit weiteren Zitaten und Eindrücken zu schreiben. Aber, und das ist wichtig, das machen nicht alle – denn das ist wieder eine Personalfrage. Zusammenfassend lässt sich aber sagen, dass Automatisierung von allen Akteuren als ein sehr hilfreiches Werkzeug für die Sportberichterstattung gesehen wird.

Am Ende bedeuten diese Ergebnisse, dass Journalisten nicht mehr allein die Herrscher über die Sportberichterstattung sind, denn nicht-journalistische Akteure betreten die Bühne, ohne deren Expertise eine solche Berichterstattung gar nicht möglich wäre. Das heißt aber nicht, dass die Journalisten sich in ihrer Rolle bedroht fühlen – sie nehmen diese Technikfirmen als Partner wahr, die es ihnen ermöglichen, ihren Lesern einen breiten Service zu bieten. Es bleibt zu sehen, wie sich diese Beziehungen zwischen Technik und Journalismus weiterentwickeln – ich bleibe dran!