Besser als gedacht: Zwischenbilanz zur digitalen Lehre

hsv-wand(Foto von mir)

 

In meinem letzten Post habe ich meine ersten Eindrücke zur digitalen Lehre aufgeschrieben, da noch geprägt von Sorge. Jetzt unterrichte ich seit gut einem Monat online (wobei sich dieser Monat wie ein Jahr anfühlt), somit ist Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Zum Kontext: ich unterrichte dieses Sommersemester praktischen Sportjournalismus, d.h. die Studierenden werden in die Besonderheiten dieses Ressorts eingeführt und verfassen eigene Beiträge. Das gesamte Seminar findet online statt, es gibt also, wie eigentlich derzeit flächendeckend in Deutschland, keine Präsenztermine.

Sechs Dinge sind mir besonders aufgefallen:

Struktur ist (fast) alles. Ich habe vor Seminarbeginn nicht nur festgelegt, was in welcher Woche stattfinden soll, wie ich es in der Präsenzlehre auch getan hatte. Ich habe auch alle zu erledigenden Aufgaben im Detail aufgeschrieben und den Studierenden vor der ersten Stunde zur Verfügung gestellt. Das hat im Vorfeld ziemlich viel Arbeit gemacht, außerdem konnte ich nicht wissen, ob die Aufgaben bis ins Letzte verständlich sind und wieviel Arbeit sie den Studierenden am Ende machen werden. Aber: es kommen nur wenige Nachfragen zu den Aufgaben, meist gar keine, und das nehme ich mal als gutes Zeichen, da alles termingerecht erledigt wird. Die Studierenden sagen, dass dieser Gesamt-Plan ihnen die Planung ihres Semesters erleichtert hat, da sie wissen, wann was passieren soll, und es keine Überraschungen gibt. Das geht mir genauso – und es klappt soweit alles so, wie ich es mir vorgestellt habe, von ein paar technischen Problemen einmal abgesehen.

Asynchrone Lehre ist anstrengend. Trotz aller Planung ist der Verlauf des Online-Semesters beileibe nicht entspannend, im Gegenteil. Das hat auch etwas mit dem Modus zu tun, denn bis auf zwei Termine findet mein gesamter Kurs asynchron statt, d.h. die Studierenden bekommen einmal in der Woche Aufgaben, die sie dann innerhalb eines festgelegten Zeitraums eigenständig erledigen. Ich habe bereits gehört, dass dieses Vorgehen für die Studierenden einiges einfacher macht – für mich bedeutet es allerdings mehr Arbeit als ich sie bei synchroner Lehre über Videochat o.ä. gehabt hätte. Denn ich habe unsere Lernplattform eigentlich immer im Hintergrund laufen, um schnell reagieren zu können, falls Fragen im Forum oder im Chat gestellt werden. Das klingt nicht schlimm, aber ich bin gedanklich ständig mit dem Seminar beschäftigt. Das unterscheidet sich schon sehr von dem „normalen“ Rhythmus, bei dem ich mir genau einteilen kann, wann ich mich um die Lehre kümmere und wann nicht. Dieses Problem lässt sich aus meiner Warte nicht lösen – ich möchte mich auf jeden Fall um meine Studierenden kümmern und schnell auf deren Bedürfnisse eingehen, auch wenn es für mich kein optimales Zeitmanagement ist.

E-Mailüberschwemmungen kommen nicht an. Aber auch für die Studierenden ist das Semester anstrengend, und das natürlich aus ganz verschiedenen Gründen. Aber besonders die E-Mailflut ist ein Problem. Sie berichten mir, dass sie von E-Mails regelrecht überschwemmt werden und dadurch wichtige Informationen verloren gehen. Dieses Feedback habe ich schnell aufgenommen, und so versende ich nur E-Mails, wenn es gar nicht anders geht oder es sich um persönliche Dinge handelt. Alles andere kommuniziere ich über die Lernplattform, und so ist alles an einem einzigen Ort. Wie beim Lernplan ist Struktur und Übersichtlichkeit auch auf der Lernplattform sehr wichtig für mich, und auch hier habe ich das Feedback bekommen, dass die Studierenden es schätzen, dass sie ihre Arbeitsmaterialien nicht lange suchen müssen. Ich hadere mit der E-Mail-Askese ein wenig, da ich befürchte, dass die Informationen auf der Lernplattform untergehen – aber bisher hat alles geklappt.

Weniger ist mehr. Bei der E-Mailanzahl spare ich also, ebenso an Material. Würde das Seminar normal als Präsenzveranstaltung laufen, hätte ich mehr Theorie, mehr Diskussionsfragen, mehr Beispiele in die einzelnen Sitzung gepackt. Aber dann wäre auch die Arbeit mit diesen Materialien anders verlaufen: wir hätten im Seminar darüber gesprochen, und gut wäre es gewesen. Jetzt bedeutet jede Präsentation, die prüfungsrelevant ist, einen Strauß an Aufgaben, z.B. eine schriftliche Diskussionsaufgabe, zu der sich jeder äußern muss – und die dann wiederum jeder lesen muss. Das ist anders als im Seminar, ganz anders, und dem trage ich so gut es geht Rechnung. Heißt: die Studierenden lernen mehr, wenn ich sie nicht mit zu langen und zu informationsgeschwängerten Präsentationen und daraus folgenden Aufgaben überfordere. An der Länge der Präsentationen muss ich noch arbeiten, da ich eine Plaudertasche bin – unter 20 Minuten schaffe ich es nicht, für einzelne Blöcke auf den Punkt zu kommen. Aber das wird sich noch einpendeln, und vorher möchte ich dazu noch explizites Feedback von meinen Studierenden einholen.

Improvisation ist alles. Zwischendurch sind trotz aller Planung weitere Themen aufgetaucht, die ich gerne behandeln wollte, die aber nicht im Seminarplan standen. Ich habe davon abgesehen, den Seminarplan zu ändern und im Nachhinein vollzustopfen und habe diese neuen Themen als „Bonusmaterial“ verfügbar gemacht. Das sind entweder weitere (relativ) kurze Präsentationen oder Texte, die den Studierenden zwar bei ihrer Arbeit helfen, aber nicht verpflichtend sind. Aber auch sonst müssen die Studierenden und ich improvisieren, denn „praktischer Sportjournalismus“ ist nun eigentlich nichts, was vom Schreibtisch aus funktioniert. Muss es jetzt aber – und trotz allem haben die Studierenden sich spannende und bunte Themen ausgesucht und sind nicht vor der Herausforderung „Corona“ zurückgeschreckt. Dass das so prima funktioniert, das ist wohl die größte Erleichterung für mich in dieser Zwischenbilanz. Ich freue mich schon sehr darauf, die Beiträge im August zu lesen bzw. zu hören.

Alles eine Sache der Gewöhnung. Online-Lehre ist für mich ganz neu, aber ich habe bemerkt, dass vieles Gewöhnungssache ist. So fällt es mir zum Beispiel mittlerweile nicht mehr ganz so schwer, bei der Aufnahme meiner Präsentationen ins Leere zu sprechen. Außerdem habe ich auch gute Seiten entdeckt, hier ein ganz konkretes Beispiel: die Studierenden sollten für die Besprechung ihrer Beitragskonzepte Präsentationen erstellen und diese mit Ton besprechen. Ich kann sagen, dass alle diese Referate gut durchdacht waren – ich möchte meine Studierenden nicht in die Pfanne hauen, aber es war den Präsentationen deutlich anzumerken, dass keine „mal eben schnell“ zusammengestückelt wurde. Ich konnte mir die Präsentationen in Ruhe anhören, und habe dadurch wohl mehr Feedback gegeben, als es bei einem Präsenzreferat der Fall gewesen wäre. Einmal, weil die Präsentationen, wie bereits gesagt, durchdachter waren, aber auch, weil ich zurückspulen konnte und auch mehr Zeit hatte meine Kommentare zu verfassen. Also: es ist nicht alles schlecht!

Das waren meine Beobachtungen bisher, und ich bin gespannt, was noch so kommt – aber jetzt geht’s erstmal weiter mit dem Semester.

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