Neuer Artikel!: Weibliche Fußballfans unter sich (mit Zusammenfassung)

A5A9DC55-369A-4578-81E8-879189E6C488(Foto von mir)

Hurra, ein Herzensprojekt von mir hat endlich das (publizierte) Licht der Welt erblickt! Es handelt sich um einen Fachartikel mit dem Titel “The Footy Girls of Tumblr: How Women Found Their Niche in the Online Football Fandom”, erschienen in Communication & Sport. Ich habe den Artikel “open access” veröffentlicht, was bedeutet, dass er von allen mit einem Klick auf das Symbol kostenlos gelesen und heruntergeladen werden kann:pdf-icon_klein

… ja, das ist wunderbar, aber worum geht es denn überhaupt und geht das auch in kurz? Na klar!

Marginalisiert und ausgeschlossen: Kein Platz für weibliche Sportfans

Jede Frau, die sich an Sportdiskussionen beteiligt oder es nur versucht hat, wird es kennen: Männer nehmen den Beitrag nicht ernst, reißen die Unterhaltung an sich, stellen bekloppte Fragen, die weder Relevanz haben, noch von ihnen selber zu beantworten sind. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, und viele Frauen wenden sich entnervt ab, wie auch (leicht) vereinfacht hier: „Ach, ich bin kein richtiger Fan, weil ich nicht weiß, wer 1964 am 3. Spieltag das zweite Tor gemacht hat? Ah, geht klar.“ Natürlich ist das nicht immer so, aber leider doch die Regel, offline wie online. Gerade online betreten Frauen ein Minenfeld: sie fühlen sich in Sport-Onlineforen nicht willkommen, und vermeiden es mitunter sogar, in solchen Foren ihr Geschlecht preiszugeben, um Anfeindungen zu entgehen. Alles kein guter Ausgangspunkt, wenn man eigentlich nur über den Lieblingssport diskutieren möchte.

Wo gehen die Frauen hin?: Tumblr bietet Abhilfe

Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich Frauen ihre eigenen Nischen suchen, um ihrem Hobby zu frönen – und zwar zu ihren Regeln. Das lässt sich z.B. auf Blogs beobachten, auf denen sehr liebevoll über Tennis oder Frauen-Basketball berichtet wird. Aber auch auf Social Media bilden sich eigene Communities, in denen Frauen unter sich bleiben – wie auf Tumblr.

Tumblr, was ist Tumblr? Tumblr ist eine Social-Media-Plattform, die sehr visuell angelegt ist, und vor allen Dingen als „Fandom“-Plattform genutzt wird wird, d.h. für die Gemeinschaft von Fans zu einer Sache, egal ob es sich um Marvel oder TV-Serien oder etwas ganz Anderes handelt. In Form von Blogposts können Bilder und umfangreiche Texte gezeigt werden, die User können sich miteinander vernetzen, wie woanders auch – allerdings wird nicht nach dem Namen gefragt, sodass man anonym bleiben kann. Letzteres hat dazu beigetragen, dass Tumblr von marginalisierten Gruppen genutzt wird, und so auch von weiblichen Fußballfans. Die Fußball-Fangemeinde auf Tumblr ist nicht klein – an einer Umfrage zum Fußball-Fandom haben 2014 über 2.400 User teilgenommen – und, das ist das Spannende, fast vollständig weiblich.

Rein ins Fußball-Fandom: Interviews mit weiblichen Fans

Davon abgesehen, dass die Beiträge dieses Fandoms sehr unterhaltend sind und man wunderbar mit den Userinnen in eine Diskussion einsteigen kann, ist gerade der Aspekt der Weiblichkeit des Fandoms spannend. Die Userinnen scheinen sich auf der Plattform pudelwohl zu fühlen – Grund genug für mich, eine Interviewstudie durchzuführen, in der ich 14 weibliche Fußballfans zu ihrem Fandasein, ihren Interaktionen mit männlichen Fußballfans, ihren Aktivitäten auf Tumblr, ihren positiven und negativen Erlebnissen auf der Plattform, und zur Bedeutung von Tumblr für ihr Fanerleben befragt habe. Also, was habe ich rausgefunden?

Schalke 04 in Guatemala: Starke Verbindungen über die ganze Welt

Alle Userinnen haben deutlich gesagt, wie sehr sie die Interaktion mit anderen schätzen. Einige verdingen sich im „Liveblogging“, d.h. sie schauen Spiele im Stream oder im Fernsehen, und kommentieren diese zusammen mit anderen auf Tumblr. Und da geht es gut los:

Lena (27, aus Guatemala) 

„Wir posten vor allen Dingen Sachen wie ‚WAS! DER SCHRIRI IST BLIND DAS WAR KLAR ROT‘ oder ‚OMG DIESES TOR‘!“
[übersetzt]

Liveblogging bindet die Userinnen in den Spieltag ein – obwohl sie am anderen Ende der Welt sitzen, und noch nie ‚ihre‘ Mannschaft live im Stadion gesehen haben.

So ist Lena aus Guatemala ein großer Schalke 04-Fan – nichts geht für sie über diesen Verein. Aber sie ist nun einmal weit weg – und nutzt Tumblr, um mit anderen Schalke-Fans Kontakt aufzunehmen, da sie diese Zuhause nicht finden würde. Auch viele andere Userinnen haben diesen Aspekt angemerkt, denn so habe ich auch glühende FC Bayern-Fans in Mexiko und den USA interviewt. Es verwundert in diesem Kontext nicht, dass die gemeinsame Liebe zu deutschen Vereinen nicht nur zu dicken weltumspannenden Freundschaften führt, sondern auch dazu, dass einige Deutsch lernen, um die Berichterstattung über ihre Lieblinge besser verfolgen zu können.

Kreativität und Fandom-Vokabular: Eine andere Art der Kommunikation

Die Art der Kommunikation im Tumblr-Fußball-Fandom unterscheidet sich stark von anderen Online-Foren und anderen Social-Media-Plattformen. Die Interviewten geben an, dass sie ihr Fandasein auf vielfältige Weise ausleben – von Spieldiskussionen über Debatten über die Spieler bis zu Fanart und Fanfiction. Auch Fandom-Vokabular spielt eine Rolle – warum Mario Götze während seiner Zeit beim FC Bayern mit dem Spitznamen „Alvin“ versehen wurde, darüber darf jeder selbst rätseln (oder mich fragen).

Diese Art der Kommunikation schweißt zusammen, nicht nur, weil gemeinsam in mitunter langen Posts diskutiert wird oder selbstgestaltete Banner oder selbstgeschriebene Geschichten an andere Userinnen verschenkt werden. Einige Userinnen bieten einen regelrechten Service, indem sie z.B. Berichterstattung in andere Sprachen übersetzen, oder Pressekonferenzen zusammenfassen, und so andere Fans mit unter Umständen anderweitig kaum erreichbaren Informationen versorgen:

Anna (23, aus England)

„Ich genieße es, einen Blog aufzubauen, auf die die Leute kommen können, um sich über Arsenal zu unterhalten. Und auch, die Sachen zu zeigen, die ich gemacht habe, und hoffentlich ist das für andere nützlich und macht sie glücklich.“
[übersetzt]

Tumblr: Ein sicherer Ort für weibliche Fußballfans

Weitreichende Kreativität, Diskussionen über die Spieler – das sind Dinge, die im (männlichen) „Mainstream“-Fandom belächelt werden. So nehmen es die Userinnen wahr, weshalb sie Facebook und Twitter für Diskussionen meiden. Sie bleiben auf Tumblr unter sich – und genießen es, dass Männer in diesem Tumblr-Fandom nur sehr selten zu finden sind und sie frei ihre Meinung sagen können:

Carly (18, aus Mexiko)

„Ich glaube, dass Tumblr unser eigenes kleines Ding ist? Das Twitter [Fußball-] Fandom besteht größtenteils aus Männern, und hier können wir Frauen mit anderen reden, die uns besser verstehen.“
[übersetzt]

Einige Userinnen gehen noch weiter uns sagen, dass sie sich sonst nirgendwo, weder offline und online, über Fußball unterhalten können – zumindest nicht ungestört und ohne blöde Kommentare, die ihr Fandasein in Frage stellen. Natürlich werden auch auf Tumblr Club-Rivalitäten ausgelebt und es geht nicht immer freundlich zu, aber das verbuchen die Userinnen als normale Diskussion, an denen sie sich entweder beteiligen oder die sie ignorieren.

Das heißt, dass Tumblr ein sicherer Ort für weibliche Fußballfans ist, um sich über ihren Lieblingssport so zu unterhalten, wie sie es möchten. Oder, wie eine Userin es zusammenfasst:

Sandrina (27, aus Deutschland)

„Tumblr ist ein „separates Universum [abseits] vom ‚Mainstream-Fußballuniversum‘.“

– und das ist wunderbar.

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