Leinen los, Großbritannien?!

pub_klein(Foto von mir – mal was Schönes in diesem Artikel)

 

Im Oktober 2011 habe ich die Überschrift „Leinen los“ für einen Artikel noch mit einem Fragezeichen benutzt, und deutlich gesagt, dass ich Großbritannien nicht als ein Land sehe, dass die EU verlassen sollte – oder wird. Damals ein Randthema, das ich aus meiner persönlichen Liebhaberei heraus bearbeitet habe, und von dem ich damals nicht dachte, dass es eine ernsthafte Diskussion darüber geben würde.

Haha. The joke’s on me, wie man auf der Insel so schön sagt.

Das Wochenende ist vorbei, der Montag auch – und noch immer geht es mir nicht besser. Nein, ich bin nicht krank, es tut nur ein bisschen im Herzen weh, nämlich genau dort, wo Großbritannien einen festen Platz hat. Ich habe dort studiert, war während meiner Promotion dort, und lasse auch sonst keine Gelegenheit aus, in ein Flugzeug nach London zu steigen und mir in der Tube während der Fahrt in die Innenstadt „this is a Piccadilly line service to Cockfosters“ eine Stunde lang immer und immer wieder anzuhören.

Und nun der Brexit. 48 % stimmten für den Verbleib in der EU, 52 % dagegen, die Medien rappeln, die britischen Parteien zerlegen sich, nichts steht mehr still. Man könnte fast jemanden dafür anstellen, die Liveblogs der großen Tageszeitungen zu verfolgen und die neuesten Informationen und Gerüchte zusammenzutragen.

Aber eine aussagekräftige Antwort auf das ‚warum‘ und das ‚wie‘ hat mir noch keiner geliefert. Sie hätten ja gar nicht gewusst, was dann passiert. Oder sie bereuen es, ihr Kreuzchen bei ‚leave‘ gemacht zu haben. Oder, ganz anders, endlich ist die richtige Entscheidung gefallen, sie war längst überfällig. Jung gegen alt, London, Schottland und Nordirland gegen den Rest. Aber wie auch immer, jetzt ist das Ergebnis da, und jegliche Fragerei müßig. Das Ergebnis ist knapp, aber ein Quorum hatte man nicht festgelegt.

Und jetzt?

David Cameron ist als Premierminister zurückgetreten, und hat sich damit aus der Verantwortung gestohlen. Egal, wer jetzt kommt – derjenige, der den Artikel 50 zum Verlassen in der Europäischen Union in Gang setzen muss, der hat den Schwarzen Peter. Auf Seiten von Labour sieht es auch nicht gut aus, die Führungsriege der Labour Partei ist, bis auf Jeremy Corbyn, fast geschlossen zurückgetreten. Und Boris Johnson? Der hat es sich komplett verbaut. Erst auf ‚leave‘ hin kandidieren, und dann keine Lösungen anbieten, so funktioniert Politik nun einmal nicht. Den Leuten, die für den Austritt gestimmt haben, wurde bei einem Austritt Sicherheit versprochen – und jetzt ist das Pfund auf einem Rekordtief, und niemand weiß, wie es weitergeht. Und sie werden hingehalten, es gäbe keine Eile, den Prozess in Gang zu setzen. Außerdem würde man ja den Binnenmarkt behalten und sowieso alles, was ja doch irgendwie ganz gut war.

Aha. Von einer Populismuskampagne in die nächste. Aber ob die EU das mitmacht? Angela Merkel hat heute schon gesagt, dass es keine Rosinenpickerei geben wird, ebenso wie der italienische Premierminister Matteo Renzi. Aber Nigel Farage, der Vorsitzende der UK Independence Party, tutet jetzt auch in dieses Horn, und wirft den Abgeordneten des Europäischen Parlaments, seinen Kollegen (!), auch noch vor, sie hätten nie richtig gearbeitet (das Video lohnt sich, deswegen habe ich es extra verlinkt.)

Was geht nur vor?

Ich versuche für mich, die ganze Sache analytisch zu sehen. Für mich als Politikwissenschaftlerin, die sich mit politischer Kommunikation beschäftigt, ist das ein Wissenschafts-Weihnachten. Für mich als Politikwissenschaftlerin, die gerne eines Tages wieder zurück nach England gezogen hätte, um dort zu lehren und zu forschen, bedeutet das nichts weiter als Sorge und den Herzschmerz, den ich bereits erwähnt habe. Was wird aus den Arbeitsplätzen, wenn man ein Visum beantragen muss? Was aus den internationalen Forschungsprojekten? Und natürlich – was wird aus den Studierenden, die nach England zum studieren gehen woll(t)en?

Ja, ich schreibe England, weil ja noch viel mehr im Gange ist – was machen die Schotten und die Nordiren? Diese beiden Regionen haben für das Bleiben gestimmt, und sehen sich nun übergangen. Was passiert dort? Werden sich die Schotten doch abspalten?

So viele Fragen, kaum Antworten. Es wird nur bleiben, die Medien weiter zu verfolgen, und die nächsten Wochen und Monate abzuwarten. Ich hoffe nur, dass sich einige der Fragen klären – Vieles habe ich hier gar nicht angeschnitten, aber die Folgen, die allein das Referendum bisher schon hatte, sind kaum mehr im Detail zu überschauen.

Ich könnte jetzt ein paar Meinungen raushauen, aber das werde ich nicht tun. Ich kann nur sagen, dass es bald Gewissheit braucht. Entweder das Referendum wird vom Parlament ignoriert – das ist möglich – und es gibt keinen Brexit. Oder der berühmte Artikel 50 wird benutzt, um den Austritt in Gang zu setzen. Aber die Sache ewig zu verzögern, und damit die Handelspartner, die EU, und nicht zuletzt die eigenen Bürger im Dunkeln zu lassen, das halte ich für verwerflich. Eine Entscheidung muss getroffen werden, in welche Richtung auch immer. Das politische Porzellan ist zerschlagen, zwischen der EU und Großbritannien, zwischen den Parteien im Land, zwischen den britischen Bürgern und der Politik. Egal, was passiert, es muss eine Menge wieder aufgebaut werden, nicht zuletzt das Vertrauen in die britische Regierung.

Ansonsten lässt sich nicht mehr sagen – die Möglichkeit, aus der EU austreten zu können, kam erst vor einigen Jahren mit einer EU-Vertragsänderung. Wie das genau vonstattengehen soll, und dann auch noch bei einem Land, das seit über vierzig Jahren Mitglied in der Gemeinschaft ist, das weiß niemand, und es wäre unseriös, darüber zu spekulieren.

Also, ich werde mit meiner wissenschaftlichen Brille auf die Dinge schauen, so ist es einigermaßen zu ertragen. Mal schauen, was passiert – und in jedem Fall ein Beweis dafür, dass Politik nicht langweilig ist.
Wenigstens das.

Und jetzt krieg‘ dich mal wieder an, mein liebstes Problemkind Großbritannien.

 

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