Wenn die Politik wie der Sport wäre…

sportklein(Foto von mir)


Die Medien sind voll davon: die FIFA sei eine Mafia, Sepp Blatter korrupt – die Vorwürfe sind nicht neu, aber die Intensität der Berichterstattung nimmt über die Tage eher zu als ab. Warum regt dieser Fall eigentlich so auf, der eigentlich nur einen Nischenverband betrifft? Man kann ohne Umschweife festzustellen, dass Sport kein Randphänomen ist, und Fußball erst recht nicht. Jeder scheint eine Meinung zu Sportarten und deren Mannschaften, Tabellenplätzen und Spielständen zu haben, und das nicht nur während der großen Turniere. Die Titelseiten der Zeitungen sind voll davon, ob nun eben zu Sepp Blatter oder dem Abstiegskampf der in der Fußball-Bundesliga in den letzten Wochen. Die Aufregung ist groß – und die Politik muss sich unterordnen, muss mit den darauffolgenden Zeitungsseiten vorlieb nehmen.

Aber warum ist Sport so prominent – und Politik nicht? Hierzu ein paar Gedanken:

Sport verbindet über alle Grenzen hinweg – nur das (lokale) Team zählt

Der Sportverein, ob nun lokal angesiedelt oder nicht, bietet eine vorgefertigte Identität, einen Zusammenhalt, der alle Mitglieder und Fans umfasst. Hierbei fallen Unterschiede nicht ins Gewicht, auch die Gesellschaftsschicht und die Religion, solange nur das „richtige“ Team unterstützt wird. Hierbei müssen die Nationalmannschaften im ersten Zugriff ausgenommen werden. Gerade bei den großen Turnieren wie der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft kommt es zu einer Art weichem Nationalismus, der auch in Deutschland spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 weitgehend anerkannt wird. Aber auch hier ist zu beobachten, wie während eines Turniers und darüber hinaus nicht nur die eigene Nationalmannschaft unterstützt wird, sondern auch fremde Mannschaften. In diesem Phänomen zeigt sich, dass die Wahl eines favorisierten Teams durchaus über der nationalen Zugehörigkeit stehen kann. Gerade bei großer Popularität kann dies der Fall sein – wie bei der deutschen Fußballnationalmannschaft nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014. Verbinden Parteien über soziale und religiöse Grenzen hinweg? Trotz aller Versuche, vor allen von den großen Parteien, gibt es gerade dort noch viele Grenzen, die von den Parteien nicht überwunden werden. Im Gegenteil, wenn Parteien sich nur auf eine Religion oder ähnliches beziehen. Inhaltliche Abgrenzungen sollen natürlich sein und sind auch nötig, aber hier geht es um das Potential, Zusammenhalt über die Programmpunkte hinweg zu schaffen. Das führt zum nächsten Punkt:

Sportliche Verbindungen halten über Generationen

Die Prozesse könnten im Sport und in der Politik ähnlich sein: Man wird in eine Familie hineingeboren, die seit Jahren oder bereits Generationen einen bestimmten Sportverein oder eine bestimmte Partei unterstützt. Das Kind wächst in diese Verbindung hinein, und verinnerlicht diese Identität ebenfalls. Oder – das wäre dann das, mit einem Augenwinkern gemeinte, schwarze Schaf der Familie – das Kind sympathisiert für einen anderen Verein oder eine Partei, vielleicht sogar für die Rivalen. Diese Prozesse sind im Sport noch heute so – aber verhält es sich mit politischen Verbindungen? Diese Prozesse waren noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts auch im Zuge von politischen Verbindungen zu sehen, sodass eine Familie bzw. das soziale Umfeld häufig an der Wahlurne ihr Kreuz an der gleichen Stelle machte, und sich so auch politisch einordnete. Dieses Phänomen ist seit den 70ern und 80er Jahren in Auflösung begriffen. Das Wechselwählertum ist zur Normalität geworden, und Parteien werden in Wahlen immer häufiger anhand einzelner Programmpunkte bewertet, und nicht in der Gesamtschau als Vertretung von bestimmten Werten. Der Wechsel der bevorzugten Partei von Wahl zu Wahl ist nicht selten. Mit dem Lieblingsverein passiert so etwas in der Regel nicht.

Wenn Politik also wie Sport wäre…?

Ist Sport nun spannender als Politik? Beständiger? Sogar wichtiger? Nein, ist er nicht – aber die Politik verliert in der Medienberichterstattung gegen den Sport, und somit in der öffentlichen Wahrnehmung. Wichtig ist, dass gerade der Fußball und andere große Sportarten eine Inszenierung in den Medien erfahren. Jede Tageszeitung hat einen nicht kleinen Sportteil, und Interviews mit den „Helden“ – egal ob nun aus der höchsten Spielklasse oder der Region – sind an der Tagesordnung. Was ist aber mit der Politik? Mit der Regierung, dem Parlament, den Abgeordneten, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch im Lokalen?

Um es kurz zu machen: wenn Politik wie Sport wäre, dann hätte sie eine Menge ihrer akuten Probleme nicht. Sie wäre in aller Munde, würde in den Medien große Beachtung finden, und ihre Köpfe wären überall bekannt – allein schon, weil Pressekonferenzen von einer großen Anzahl Leute verfolgt werden würden. Diskussionen würden nicht nur in Gemeindesälen, sondern allerorten und ohne Unterlass stattfinden. Die allseits attestierte Politikverdrossenheit wäre dann wohl kein Thema mehr.

Aber da ist noch etwas anderes, das es zu beachten gilt: wäre sie Politik wie der Sport, dann gäbe es keine Bewegung im Parteiensystem, und neue Strömungen würden es schwer haben, Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch mit einer Verflachung der politischen Inhalte wäre wohl zu rechnen. Außerdem sind die Gegebenheiten im Sport nicht immer positiv. Aus gemeinsamer Identität kann eine Feindschaft gegenüber anderen entstehen, die sich nicht mehr friedlich und eben sportlich äußert; Beispiele hierfür gibt es genug.

Eins ist aber sicher: dass man über Politik nicht so viel berichten kann wie über Sport, das ist nicht wahr. Auch nicht, dass es uninteressant wäre, über andauernde Prozesse, wie ein Gesetzgebungsverfahren, zu berichten – immerhin schaffen es die Sportjournalisten, immer etwas zu schreiben, ohne dass in vielen Fällen etwas Bahnbrechendes passiert wäre. Jeden Tag, sogar in den Spielpausen. Und das wird gelesen, gesehen, und gehört.

Ich bin ja immer eine große Verfechterin der politischen Öffentlichkeitsarbeit auf allen Kanälen – aber dass sie nicht so werden kann wie die Sportberichterstattung, das ist klar. Die politischen Inhalte sind anders, vor allen Dingen nur selten emotionalisierend. Aber sie haben das Potential dazu, (wieder) über alle Schichten und Zusammenhänge hinweg identitätsstiftend zu wirken. Der Schlüssel dazu ist meiner Meinung nach eine gute Öffentlichkeitsarbeit, nicht nur vom Bund ausgehend, sondern auch in den Kommunen. Politik ist mehr als nur der Bundestag, so wie Sport mehr als nur die höchste Spielklasse ist. Politische Identität fängt auf der lokalen Ebene an, wo die Entscheidungen des Gemeinderats oft direkten Bezug auf das tägliche Leben haben, und wenn es sich nur darin äußert, welche Buslinien durch welche Straßen fahren. Hier gilt es, anzusetzen – und dann für die Politik auf Landes- und Bundesebene zu begeistern. Es ist zwar interessant zu wissen, welche Transfers von einem Verein zum anderes es geben soll – aber was berührt mehr als die Politik unseres Landes? Eben.



Bonus

Dazu habe ich übrigens noch einen Tipp für ein großartiges Buch, das sich mit dem Thema Sport und Politik auseinandersetzt. Reinlesen lohnt sich!:
Markovits, Andrei S./Rensmann, Lars (2007): Querpass. Sport und Politik in Europa und den USA. Göttingen: Verlag Die Werkstatt.

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