Traue keiner (Interpretation einer) Studie…

arbeitKlein(Mein Photo und mein kreatives Chaos)

 

Was ist passiert?

… nun, das Zitat, selbst wenn ich es hier in abgewandelter Form benutze, muss ich wohl nicht zu Ende führen. Worum geht es? Um eine Studie der Uni Konstanz, wie sie auf Spiegel Online in Auszügen veröffentlicht wurde. Dabei geht es um die wöchentliche Arbeitszeit, die für das Studium aufgewendet wird. Dazu gibt es unter der Grafik auf Spiegel Online folgendes zu lesen: „Der Studieraufwand setzt sich zusammen aus Lehrveranstaltungen, Selbststudium und Arbeitsgruppen.” Soweit, so gut – nun wurde natürlich nach Fächern aufgeschlüsselt, und hier werden wieder so einige Klischees bedient. Die Mediziner finden sich mit über 40 Wochenstunden am oberen Ende der Skala, die Sozialwissenschaftler am unteren – die Politikwissenschaft liegt bei 26,1 Wochenstunden. Keine Überraschung, könnte man sagen. Oder etwa doch?

Was meine ich dazu?

Solche Studien gibt es immer wieder. Ich möchte auch nicht anzweifeln, dass diese Daten ordentlich erhoben worden sind. Allerdings frage ich mich, wer diese Studierenden waren, die in den Sozialwissenschaften befragt wurden, denn das Ergebnis ließ mich mit einem Fragezeichen zurück. Ich weiß von mir, dass ich wesentlich mehr Zeit pro Woche für mein Politikwissenschaftsstudium aufgewendet habe. Allein das Lesen der Texte für die Vorlesungen und Seminare machte einen großen Teil meines Tages aus, im Bachelor und besonders im Master. Es waren nicht wenige Seiten zu bewältigen, die nur selten den Charakter eines leicht verständlich geschriebenen Lehrbuches hatten. Dazu kamen natürlich noch die Präsenzzeiten in eben diesen Vorlesungen und Seminaren, sowie das Anfertigen von Hausarbeiten, für die ich mich ebenfalls vorbereiten musste. Für mich kann diese angegebene Stundenzahl nicht stimmen, und ich kann von meinen Kommilitonen sagen, dass es diesen genauso gegangen ist.

Wie kommen also diese Zahlen zustande? Ein Blick auf die Webseite der Studie der Uni Konstanz bringt ein wenig Aufschluss. Erst einmal ist der Rücklauf der Umfrage unter den Studierenden recht gering, sodass ein verzerrtes Bild entsteht. Hier möchte ich noch einmal betonen, dass ich den Fehler nicht bei der Forschergruppe sehe – die Auswahl der Studierenden, die befragt werden sollen, erfolgt nach dem Zufallsprinzip, was ich vollkommen unterstütze, und auf den Rücklauf haben die Forscher leider keinen Einfluss. Eine weitere Aufschlüsselung zeigt, dass es im Wintersemester 2012/2013 rund 18 % Rücklauf der Fragebögen gab, was knapp unter 5.000 Studierende in ganz Deutschland macht. Das hier Verzerrungen entstehen, erscheint logisch. Anfang der 1990er lag die Quote der ausgefüllten Fragebögen bei über 45 %, was gerechnet an den jetzigen Werten ein großer Erfolg war. Die Fragen aber bleiben: Wer füllt diese Bögen heute aus? Wieviele Studierende aus welchen Fächern? Das ist der Webseite leider nicht zu entnehmen, wäre aber sehr wichtig, um die Ergebnisse der Studie entsprechend bewerten zu können.

Natürlich habe ich selbst auch eine verzerrte Sichtweise, und mein Wissen von wenigen Universitäten ist auf keinen Fall repräsentativ. Aber dass hier wieder in den Medien der typische Graben Naturwissenschaften-Geisteswissenschaften (wobei die Sozialwissenschaften hierbei fälschlicherweise zu den Geisteswissenschaften gezählt werden) aufgemacht wird, das kann ich nicht gutheißen. Es sind vollkommen unterschiedliche Fachrichtungen, die ebenso unterschiedlich arbeiten. Ja, als Sozialwissenschaftler hat gerade in den höheren Semestern man wesentlich weniger Präsenzzeit in der Universität als ein Naturwissenschaftler. Aber tun wir weniger für die Uni? Nein, ich denke nicht. Wenn ich nach Hause gefahren bin oder mich in die Bibliothek gesetzt habe, hat noch viel Lektüre auf mich gewartet, und damit war der Tag dann auch vorbei – und genauso lang wie der des Naturwissenschaftlers.

Obwohl meines Erachtens Äpfeln mit Birnen verglichen werden, wenn es um den Blick über die Fächer geht, so finde ich solche Studien dennoch wichtig. Allerdings aus der Perspektive, wie sich der Aufwand innerhalb eines Faches entwickelt – tun die Studierenden mehr oder weniger als früher? Woran könnte das liegen? Das sind die Fragen, die sich gerade nach Bologna stellen. Welche Einflüsse – wenn überhaupt welche – hat(te) die Reform? Diese Fragen sind noch immer aktuell, und wesentlich spannender als die ideologisierten Grabenkämpfe zwischen den Fächern.

Hier muss im Übrigen eine Lanze für die Konstanzer Kollegen gebrochen werden, denn der Fragebogen umfasst noch viel mehr Dinge, die genau in diese Richtung gehen, und über die in den Medien nicht halb so viele Worte verloren werden. Zum Beispiel Punkt (6), die Situation der Lehre und der Studienqualität, oder (12) Berufliche Orientierungen und Arbeitsmarkt, darüber hätte ich gerne mehr gewusst. Es muss doch mehr geben als die allgegenwärtigen Plattitüden, dass sich unter Bologna ‚alles‘ verschlechtert hat und ’niemand‘ glaubt, mit dem Bachelorabschluss ‚je einen Job‘ zu bekommen?

Fazit

Studierendenumfragen haben so viel mehr zu bieten als platte Vergleiche, die viel zu häufig Polemik provozieren (wer das nicht glaubt, möge sich die Kommentare zum Spiegel Online-Artikel anschauen). Wie geht es den Studierenden? Was beschäftigt sie? Auch wenn der Rücklauf nicht das ist, was man sich wünscht, können so viel mehr Schlüsse daraus gezogen werden, als dass Sozialwissenschaftler die meiste Zeit ihres Studiums vermeintlich in der Badeanstalt verbringen. Also, wo sind diese Berichte? Ich jedenfalls werde mich jetzt noch ein wenig durch’s Internet wühlen, um Näheres zu erfahren.

 

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