Willkommen vor der Downing Street – Zutritt verboten!

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(Foto von mir)

 

Was ist passiert?

Im Zuge meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit dem übergeordneten Thema „politische Repräsentation“. Das macht Spaß – auch, wenn es manchmal eine ziemlich ernüchternde Angelegenheit ist, wie man sich vielleicht bereits denken kann. Hier an meiner Universität in London habe ich die Möglichkeit, das Thema neben meiner Doktorarbeit auf eine andere Art und Weise zu vertiefen. Das tue ich nämlich im Zuge eines Kurses zu qualitativen Methoden, d.h. wo Interviewtechniken, Umgang mit der Analyse von Dokumenten und noch anderes in der Art gelehrt werden. So habe ich während dieses Kurses eine teilnehmende Beobachtung vor der Downing Street No. 10 durchgeführt, d.h. ich habe mich an zwei Tagen jeweils eine Stunde vor diesen Ort gestellt, die Leute dort beobachtet, ihre Tätigkeiten und meine Gedanken dazu aufgeschrieben.

Klingt langweilig? Ganz und gar nicht! Denn allein durch das Beobachten konnte ich eine Menge darüber erfahren, wie mit diesem wichtigen Ort der britischen Politik umgegangen wird.

 

Was meine ich dazu?

Bevor ich ein paar meiner Beobachtungen kundtue, ein paar Worte zu dem Ort. Die Downing Street No. 10 ist der Wohnort des britischen Premierministers, zur Zeit ist das David Cameron von den Conservatives. Der Schatzkanzler wohnt übrigens traditionellerweise gleich daneben, in der Nummer 11. Die Straße an sich ist, wie auf dem Foto zu erkennen, mit einem großen Tor vor neugierigen Passanten abgeschirmt und wird von mehreren Polizisten, von denen einige bewaffnet sind, bewacht. Auf dem ersten Blick kein freundlicher Ort, an welchem der Bürger eingeladen wird, der Politik ganz nah zu kommen.

Erst einmal konnte ich feststellen, dass die Downing Street vor allen Dingen ein Ort für Touristen ist. Das an sich ist nicht überraschend. Viele Leute gehen jeden Tag vorbei, was wohl auch dem Standort der Downing Street geschuldet ist – wer zur Westminster Abbey oder zum Big Ben will und vom Trafalgar Square kommt, läuft während seiner Sightseeing-Tour geradewegs an ihr vorbei. Sehr günstig gelegen, um „mal eben schnell“ ein Foto zu machen. Und obwohl nicht viel zu sehen ist – die berühmte schwarze Haustür mit der „10“ ist viel zu weit hinter dem großen Tor verborgen, als dass man sie auf einem Foto noch erkennen könnte – lassen sich viele Leute freudestrahlend vor dem Tor fotografieren.

Und hier relativiert sich der erste grimmige Eindruck des Ortes mit bewaffneten Polizisten – denn nur die Polizisten, die innen stehen, tragen Waffen. Die, die draußen sind, unterhalten sich gerne und viel mit den Touristen, geben Auskunft zum Weg oder weiteren Sehenswürdigkeiten in der Gegend, und lassen sich auch fotografieren. Bei meiner Beobachtung am gestrigen Samstag zur Mittagszeit haben sich vor allen Dingen glückliche Kinder mit einem Polizisten verewigen lassen. Nun, das ist wohl der Traum von jedem kleinen Jungen (und kleinem Mädchen?), mit einem „echten Polizisten“ zu sprechen.

Neben diesem Spaß gibt es allerdings auch Beobachtungen, die mich nachdenklich gestimmt haben. Nicht wenige der Touristen schauten ratlos auf das Tor und sind anscheinend nur stehengeblieben, weil dort andere Leute mit Kamera standen. „Was ist das hier?“, habe ich mehr als einmal gehört, und die Erklärungen, soweit es sie denn gab, gingen selten über „hier wohnt der Premierminister“ hinaus. Diese Unkenntnis hat mich sehr überrascht. Aber das mag daran liegen, dass es nicht so viel zu sehen gibt – die Haustür des Premierministers ist kaum zu sehen, und auch sonst gibt es kein Schild oder ähnliches, das darauf hinweist, was es mit diesem Ort auf sich hat. Die Houses of Parliament kennt jeder – die Downing Street nicht. Als Anekdote lässt sich hier die Erklärung eines um die zwölf Jahre alten deutschen (!) Jungen aufführen, der meinte, das sei die „Oxford Street“ und hier wohne der „Präsident“. Knapp daneben ist auch vorbei, aber er wusste zumindest in den Grundzügen bereit, was er mit dem Ort auf sich hat.

Natürlich will ich nicht nur schwarz malen. Es gab auch Leute, die freudestrahlend das Straßenschild fotografiert haben – augenscheinlich in Kenntnis über den Ort – und kaum wieder gehen wollten. Aber die Mehrheit hat sich schnell wieder mit gerunzelter Stirn abgewandt und ihren Weg fortgesetzt. Vor allen Dingen war die Enttäuschung groß, so konnte ich es hören, dass man nicht reingehen kann. Einer der Polizisten hat mir erzählt, dass das die wohl häufigste Frage ist, die er gestellt bekommt. Vor 1989 war es wohl möglich, durch die Straße zu laufen – auch als ganz normaler Bürger. Seit 1989 ist das nun wohlbekannte Eisentor da, und regelt den Zutritt – es wurde auf Grund von Angst vor Terroristenattacken errichtet (Downing Street 2012). Die Bevölkerung muss draußen bleiben. Und das tut sie auch. Sie schießt ein Foto, wenn überhaupt, und hastet dann weiter, auf zur nächsten Station der Sightseeing-Tour.

 

Fazit

Was ist die Downing Street nun im Sinne von politischer Repräsentation? Ein Ort für Touristen? Oder doch nicht? Ich behaupte zu sagen, dass die Downing Street kein Gesicht (mehr) hat. Sie mag noch in jedem Touristenführer stehen, aber sie ist nicht eindeutig zu erkennen. Die Tür mit der Nummer 10 ist kaum zu sehen, und das ist es, was den Ort am Besten beschreibt: Es gibt einfach nichts zu sehen, kein Schild, das beschreibt, was die Downing Street ist, gar nichts. Sie ist einfach nur der Wohnsitz der Premierministers, und das war es dann auch. Die Symbolik ist, zumindest in meinen Augen, ziemlich verschwunden – oder wurde durch das große abweisende Eisentor ersetzt.
Dass die schweren Tore vor der Downing Street stehen, ist einerseits verständlich – andererseits wirft es kein gutes Bild auf die Offenheit der Regierung für die Sorgen und Nöte ihrer Bürger. Dass man sich vor 1989 vor die Tür des Premierministers stellen konnte, das war, so finde ich, eine wundervolle Sache, besonders für das Verständnis von Politik und das Vertrauen in diese. Eine symbolische Sache, natürlich, aber eine, die im Gedächtnis geblieben ist, denn ich habe zwei Frauen hören können, die sich daran erinnerten, wie sie in früheren Jahren durch die Downing Street gegangen sind.

Diesen Verlust können auch die freundlichen Polizisten nicht auffangen. Denn wenn die Downing Street zu einem Ort wird, an dem man stehenbleibt, nur weil es andere auch tun, oder nur näher tritt, um nach dem Weg zu fragen, dann hat dieser Ort sehr an Bedeutungskraft eingebüßt. Das ist schade, denn für mich ist die Downing Street einer der spannendsten Orte in ganz London – und ich kann nicht hinein.



Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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2 Gedanken zu “Willkommen vor der Downing Street – Zutritt verboten!

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