„Nein, ich möchte nicht Politikerin werden.“

(Foto von mir)

„Willst du Politiker werden?!“
(gefühlte tausend Menschen, die mir diese Frage bereits gestellt haben)

Was ist passiert?

Heute mal kein Kommentar zu etwas aus den Nachrichten, aber zu einer Sache, die für mich und meine Fachkollegen immer aktuell bleibt – die Frage, was ein Politikwissenschaftler bzw. eine Politikwissenschaftlerin eigentlich so macht, egal ob nun im Studium oder danach. Auch, was das Fach eigentlich genau ist, wird häufig gefragt.

Vorstellungen dazu gibt’s viele – von der oft gestellten Frage und daraus folgenden Annahme oben, dass das Studium die Ausbildung für den Politiker sei, bis dazu, dass sie doch eh alle nach Ende des Studium Taxi fahren. Zusammen mit übrigens „allen anderen Geisteswissenschaftlern“.

Dazu und zum allgemeinen Verständnis ein paar Punkte, die das Phänomen „Politikwissenschaftler“ näher beschreiben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, versteht sich. Damit es sprachlich einfacher wird, bleibe ich beim „PoltikwissenschaftlER“, aber alle „-innen“, zu denen ich ja auch gehöre, dürfen und sollen sich natürlich mit angesprochen fühlen.

Was meine ich dazu?

Dazu meine ich so Einiges, besonders als „Betroffene“, die ihren Studiengang bzw. eingeschlagenen Weg schon mehr als nur ein paar Mal verteidigt hat.

1. Politikwissenschaft ist eine Sozialwissenschaft – und eben keine Geisteswissenschaft. Das als allererstes – außerdem bin ich mir sicher, dass auch die Kommilitonen aus den traditionellen Geisteswissenschaften eher selten den Taxischein machen. Außerdem ist „Sozialwissenschaft“ ist nicht mit „Unnützwissenschaft“ zu übersetzen. Der wer hätte gedacht, dass auch die Wirtschaftswissenschaft zu den Sozialwissenschaften gehört? Sich daraus ergebend…

2. Sozialwissenschaftler werden recht selten Taxifahrer– wenn nicht sogar keiner. Dazu gibt es sogar eine Studie, wenn auch explizit für den Studiengang Soziologie (s. dazu überblicksartig z.B. Spiegel Online 2012). Natürlich gilt das nicht für den Rest der Menschheit und schließt nichts aus, aber sagt eben auch, dass der Weg eben nicht im Taxi enden muss, sondern nichts weiter als ein blödes Klischee ist, das ins das Reich der Legenden gehört.

3. Politikwissenschaftler werden nicht automatisch Politiker – das ist nur ein Berufszweig von vielen. Die Politikwissenschaft bereitet auf Vieles vor – Vereinsarbeit, Tätigkeiten in internationalen Organisationen wie die UNO, die Arbeit als Journalist, Tätigkeiten in der Politikberatung… die Liste lässt sich weiter fortführen. Der Studiengang Politikwissenschaft hat kein festes Ziel, so wie zum Beispiel der Medizinstudent mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Arzt wird. Ein bisschen Kreativität gehört bei der Jobsuche dazu, aber dafür sind die Möglichkeiten vielfältig.

4. Politikwissenschaftler kümmern sich nicht nur um die Tagespolitik – und sie schauen nicht nur die Tagesschau. Vor allen Dingen im Studium lernt man nämlich vor allen Dingen Grundlagen, die herzlich wenig damit zu tun haben, wer zum Beispiel gerade wo welche Wahl gewonnen hat – da geht es eher darum, wie jemand in welchem System unter welcher Voraussetzungen gewählt wird. Aber natürlich ist die Tagespolitik, gerade für bestimmte Teildisziplinen, immer dabei. So ist in dem Bereich „Europäische Integration“ durch die Finanzkrise gerade eine Menge los – was aber niemanden davon entbindet, über die verschiedenen vorangegangenen Verträge Bescheid zu wissen, um die Bedeutung des Rettungsschirms einordnen zu können…

5. Politikwissenschaftler sind überall – und sie gehen auch nicht weg. Das Fach wird an sehr vielen Universitäten gelehrt (nicht zuletzt gibt es eine weltweit angesehene Universität, die sich vornehmlich mit der Politikwissenschaft und ihren verwandten Disziplinen beschäftigt, die London School of Economics and Political Science), und die Studierendenzahlen sind und bleiben hoch. Allein das ist ein Grund, sollte man ein Individuum ‚Politikwissenschaftler’ treffen, sich mit Polemik á la „dein Fach hat nichts mit der richtigen Welt zu tun“ zurückzuhalten. Hat es eben doch…

6. „Die“ Politikwissenschaft gibt es nicht – sondern sehr viele Teilfelder. Internationale Beziehungen, Vergleichende Politikwissenschaft, Regierungslehre und Politische Theorie und Ideengeschichte sind nur ein paar große Felder, die sich ihrerseits wieder unterteilen lassen. Das Fach ist vielfältig und bietet sehr viele Anschlusspunkte für viele Interessen – und Erklärungen. Politik ist überall, vom Dorf bis zum transnationalen Staatenbund wie der EU, da braucht es eine groß angelegte Wissenschaft, um die Phänomene, die durch „Politik“ zutage treten, zu erklären.

Und nun zu guter Letzt:

7. Politikwissenschaftler erklären die Welt – und wie sie funktioniert. Ohne Politikwissenschaftler würde niemand erklären, wie sich unser politisches System zusammensetzt, wie Wahlen vonstatten gehen, kurzum, wie ein gewaltiger Teil unserer Gesellschaft funktioniert. Um nur ein paar wenige Beispiele für Fragen zu nennen: Wie „gelingt“ Demokratie? Was sind Bedingungen für ihren Erfolg, was bringt sie zu Fall? Welche Auswirkungen hat massenmediale Berichterstattung auf Gesetzgebungsverfahren? Und so weiter und so fort. Politikwissenschaftler machen diese diffuse „Politik“ begreifbar, gerade weil sie die Welt um sich herum auseinandernehmen und wissenschaftlich zu begreifen versuchen. Gerade deshalb eignen Politikwissenschafter sich für die Politikberatung, gerade weil sie nicht in Blaue hinein raten, wie das politische System auf diese oder jede neue Verordnung reagieren könnte. Sie wissen es.

Fazit

Ich bin mit Leib und Seele Politikwissenschaftlerin, und deshalb berührt es mich, wenn ich ständig mit Vorurteilen zu meiner Disziplin konfrontiert werde. Daher hier eine kleine Liste, was Politikwissenschaftler eigentlich umtreibt, wobei ich mir vorbehalte, diese zu erweitern. Vielleicht fällt ja meinen werten Lesern noch etwas ein, was unbedingt noch dazugehört?

Und ja, ja, ja, natürlich darf ein Politikwissenschaftler (Berufs-) Politiker werden, wenn er das gerne möchte. Im Europäischen Parlament sitzen zum Beispiel nicht wenige. Und da sind sie meiner bescheidenen Meinung nach genau richtig.

Also, in kurz: Politikwissenschaftler werden gebraucht, genauso wie die Naturwissenschaftler. Und auch die Geisteswissenschaftler, das will ich gleich dazu sagen, da diese häufig mehr als stiefmütterlich behandelt werden. Alle Disziplinen sind wichtig, ein bisschen weniger Arroganz, ein bisschen weniger „wir sind besser als ihr“ ist da angebracht.

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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Ein Gedanke zu “„Nein, ich möchte nicht Politikerin werden.“

  1. Taxifahrer? Kleine Anekdote: Mein Musikwissenschafts-Prof hat früher vor jeder Klausur 5 Minuten über die korrekte Zubereitung einer Pizza (so ist hier z.B. kurzes, sehr heißes Erwärmen geboten!) doziert, mit der Begründung: „Wenn Sie auch nichts aus dem Studium mitnehmen, sollten Sie doch immerhin die Qualifikation zum Pizza-Bäcker erwerben!“. Gerade in den Geisteswissenschaften wird ein solches Image also auch gerne Galgenhumor-artig gepflegt – was möglicherweise auch angebracht scheint, wenn man sich die (wissenschaftlichen) Berufsaussichten in Deutschland anschaut.
    Dennoch sollte sich Wissenschaft in meinen Augen ruhig öfter das Selbstvertrauen leisten, das Du in Deinem – wie immer sehr unterhaltsamen – Rant zur Schau stellst. Wissenschaft kann was. Auch ohne Führerschein.

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