Politik soll für Menschen gemacht werden, nicht gegen sie

(Foto von mir)

Was ist passiert?

Wann immer ich von Bürgerinitiativen lese, frage ich mich, woher dieser Kampf, und manchmal sogar Hass, zwischen diesen Initiativen und der Politik kommt. Die Politik – das sind hier ganz allgemein gesprochen natürlich die Parteien, aber auch die Verwaltung, die Vorhaben ausführt. Und die Bürger, das sind sehr häufig die direkt Betroffenen.

Dieser Konflikt ist jedem von Initiativen wie Stuttgart 21 bekannt, oder von den Anti-Fluglärm-Bürgerinitiativen nahe des Frankfurter Flughafens oder des Flughafenneubaus in Berlin. Aber auch auf kommunaler Ebene gibt es sie zuhauf, allein in meiner Heimatstadt fallen mir etliche Beispiele ein. Viele dieser Fronten sind mehr als nur verhärtet. Warum und was kann man dagegen tun? Dazu von mir ein paar Gedanken.

Was meine ich dazu?

Mich als Politikwissenschaftlerin besorgt es, wenn der Dialog zwischen Politik und Bürger nicht nur zum Erliegen kommt, sondern dann zu Scheitern droht. Das ist schädlich für die Demokratie, und der Bekämpfung der allgemein festgestellten Politikverdrossenheit nicht gerade förderlich. Wie kann das sein?

Vielleicht liegt das Problem erst einmal und ganz nüchtern in der Sache selbst. Zum Beispiel, wenn von der Politik Zahlungen gefordert werden, wie bei der Sanierung einer Straße. Da können sich die Geister scheiden, und hier kann und soll die Diskussion ansetzen. Na klar, hier kann es zu Konflikten kommen, sie sind unter Umständen sogar vorprogrammiert. Aber warum dann die Eskalation?

Aber über die reine Sachebene hinaus denke ich, dass die Probleme noch ganz woanders verortet sind: die Politik hat ein PR-Problem. Sie weiß nicht, wie sie ihre Anliegen an den Mann bringen soll. Bleiben wir bei dem Beispiel der Straßensanierung. Die Politik bzw. „die Stadt“ (wieder ein Überbegriff, der in Kommunen die Politik durchaus mit einschließt) wird gute Gründe haben, warum die Straße neu gemacht werden muss. Vielleicht geht es darum, dass der Grund unter dem Asphalt absackt und dadurch Versorgungsleistungen bedroht sind. Wie auch immer, niemand wird teure Bauarbeiten ansetzen, wenn dazu kein triftiger Grund besteht.

Aber nun kommt das Worst-Case-Szenario. Etwas wird von der Politik beschlossen, die betroffenen Bürger erfahren aus der Zeitung davon, dass die viel Geld für eine – so ist es mit bloßem Auge zu sehen – leicht ramponierte, aber dennoch voll funktionsfähige Straße zahlen müssen. Sie starten eine Bürgerinitiative, wehren sich lautstark. Das zieht sich über Monate und Jahre hin, dadurch verfallen Fristen, in denen die Sanierung der Straße vielleicht von anderen Gremien – man nehme das Bundesland – finanziell gefördert worden wäre. Die geforderten Zahlen steigen also, und das Problem bleibt: die Straße muss saniert werden. Aber es herrscht Stillstand.

Was hätte man dagegen tun können? Ich sehe hier die Politik in der Pflicht, den Bürger frühzeitig einzubeziehen. Wenn es, wie im Beispiel, um eine Straße geht, dann zunächst die betroffenen Anwohner. Nennt mich naiv, aber ich denke, dass man so eine Menge Zeit und Nerven sparen kann. Denn Bürgerinitiativen und ihr Wirken sind immer nachgelagert –  all das könnte verhindert werden. Wodurch? Durch gute Kommunikation, und nicht durch bloßes dumpfes Beschließen von Dingen, von denen die Betroffenen als letztes erfahren und die nicht mehr zu ändern sind. Dazu kommt, dass so einige Probleme – wie kaputte Versorgungsleitungen – nicht von Außen klar erkennbar sind. Wer, wenn nicht die Politik, kann den Bürger klarmachen, weshalb etwas getan werden muss? Und das ganz sachlich, ohne jegliche Emotionalisierung der Vorhaben?

Nicht immer lassen sich Emotionen verhindern, das gebe ich zu. Manchmal sind sie sogar unabdingbar, wenn es zum Beispiel um den historischen Wert einer Straße geht. Aber sie sollten auch nicht Überhand nehmen und die Fakten im Hintergrund verschwinden lassen. Wenn das geschieht, dann kommen die beiden Gruppen gar nicht mehr zueinander.

Noch schlimmer wird es, wenn die Politik vom Bürger schließlich als Gefahr wahrgenommen wird. Ja, richtig, als Gefahr, und das ist sehr weit von meinem Ideal, dass Politik für den Bürger gemacht werden soll, entfernt. Das kann passieren, wenn unsere Beispiel-Straße breiter gebaut werden soll als vorher. Dafür müssten die Anwohner 20 Zentimeter Breite ihres Grundstücks abgeben – vielleicht ist das nötig, um die Versorgungsleitungen modern zu sanieren. Wie auch immer – schnell machen da sehr emotional belegte Begriffe wie „Enteignung“ die Runde, der Bürger bekommt Angst. Das ist, wie gesagt, alles nur hypothetisch – aber für mich durchaus denkbar.

So ein Szenario ist nicht nur den Bürgern anzulasten. Nein, denn die Kommunikation der Politik lässt häufig zu wünschen übrig. Entweder findet sie gar nicht statt, oder nur in Bruchstücken – wer erfährt schon gerne aus der Zeitung, dass irgendjemand im Rathaus irgendetwas gesagt hat, was einen direkt betrifft? Warum kommt das nicht aus dem Rathaus selber, von einem Pressesprecher? Die Frage erledigt sich schnell, wenn es einen solchen gar nicht gibt, und gewinnt an Bedeutung, wenn so etwas trotzdem passiert. Der Bürger sollte solche Informationen frühzeitig und direkt erfahren, und nicht, wenn jegliche Planungsverfahren abgeschlossen sind, und dann schon gar nicht bruchstückhaft aus der Zeitung.

Ich habe mir auf einer Wahlkampfveranstaltung letztes Wochenende anhören müssen, dass Dinge einfach mal beschlossen werden und dass das dann eben so sei, man hätte sich ja irgendwann beteiligen können. Was ist das für eine Antwort für einen Bürger, der, nehmen wir an, den Erhalt seines Grund und Bodens gefährdet sieht? Dazu kann ich nur eins sagen: das ist ein Armutszeugnis für die Kommunikation zwischen Politik und Bürger. Nicht mehr, und nicht weniger.

Fazit

Das Kommunikation zwischen Politik und Bürger muss sich verbessern. Wie? Die einfache Antwort gibt es natürlich nicht, aber die gibt es nie. Die Einrichtung von „PR-Abteilungen“ in den jeweiligen Institutionen – wie z.B. Rathäusern – sehe ich als einen ersten Schritt. Die sollte nicht nur dazu da sein, die Presse zu versorgen, denn diese selektiert auch und ist beileibe kein neutraler Nachrichten- und Faktenvermittler, auch, wenn sie es gerne sein möchte. Nein, eine solche Abteilung sollte sichtbar für den Bürger arbeiten. Keine Veranstaltung hinter verschlossenen Türen für ein paar ausgewählte Journalisten, sondern über Newsletter, Postwurfsendungen, Veranstaltungen.

Ja, ja, das hat noch nie funktioniert, und es wird es auch niemals. Ich höre all das schon deutlich in meinem Ohr. Aber was wäre, wenn doch?

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