Wenn das Anzeigenblättchen schafft, was die Qualitätszeitung nicht kann

(Bild von Der Reinbeker 2012)

„Die größte Strafe für alle, die sich nicht für Politik interessieren, ist,
daß sie von Leuten regiert werden, die sich für Politik interessieren.“
(Arnold Joseph Toynbee)

Was ist passiert?

Die Leute interessieren sich nicht für die Politik in ihrer eigenen Stadt. Das mag ein sehr allgemeines Statement sein, aber die geringen Wahlbeteiligungen in vielen Städten scheinen mir recht zu geben (in früheren Beiträgen bin ich streckenweise schon einmal darauf eingegangen).

Was kann man dagegen tun? Meiner Meinung nach ist das vor allem Dingen ein Problem der Information – die Bürger selbst fühlen sich nicht genug informiert, egal, wie viel Informationsmaterial ihnen objektiv zur Verfügung steht. Das mag einerseits an ihnen selbst liegen, da es ihnen offen steht, zur Ratsversammlung oder Stadtvertreterversammlung (oder wie auch immer das jeweilige Pendant heißen mag) zu kommen. Aber dennoch – gibt es keine einfacherer Möglichkeit, den Bürger in kurzen und knappen Worten, abseits von langen Parteiprogrammen, über das aktuelle Geschehen zu informieren?

Zumindest in der Kleinstadt Reinbek (bei Hamburg) hat man die Antwort gefunden: Im „Reinbeker“ erscheinen monatlich kurze Beiträge „aus den Fraktionen“ (siehe Bild oben).

Was meine ich dazu?

Erstmal finde ich, dass das eine gute Idee ist. Denn jeder Leser darf sich jetzt einmal selbst ans Herz fassen – was weiß er oder sie über die Kommunalpolitik der eigenen Stadt? Ich kann nur von mir selbst sagen, dass es für mich persönlich wohl nicht sehr viel wäre, wäre ich nicht (allein schon von Studienwegen her) sehr daran interessiert.

Also hier, „Der Reinbeker“ – eine kostenlose Zeitung, die zweimal monatlich verteilt wird (Auflage: 21.100 Exemplare), und in der einmal monatlich eine Rubrik namens „Informationen aus den Fraktionen“ erscheint (Der Reinbeker Mediadaten 2012). Hier können die Fraktionen des Reinbeker Stadtparlaments in kurzen Worten ihre Meinung zu aktuellen Themen darstellen. Und diese Themen sind stadtrelevant und erscheinen für den Nicht-Reinbeker schon sehr kleinschrittig – es geht um ein Feuerwehrgerätehaus oder Bauvorhaben in Wohnstraßen. Eben das, was Anwohner und auch andere Bürger der Stadt interessieren könnte, gerade weil es in ihrem Vorgarten passiert. Das alles passt in fünf dünne Spalten und auf eine halbe Seite der Zeitung. Das ist in wenigen Minuten gelesen.

Die Parteien sind allein für den Inhalt verantwortlich, und so unterschiedlich die verschiedenen Politiken ausfallen, so tun es auch die Themen dieser kleinen Spalte. Es ist nicht nur ein Sachverhalt vorherrschend, sondern ganz verschiedene Dinge. Ein großes Plus für diese Meinungsvielfalt – damit ist zwar nicht der direkte Vergleich von Meinungen gegeben, aber schließlich hat jede Partei ihre eigenen Schwerpunkte.

Ich finde, dass so eine Rubrik eine gute Sache ist. Leichter kann man es dem Bürger nicht machen, sich auf einer der ersten Seiten einer kostenlos erscheinenden und in den heimischen Briefkasten gelieferten Zeitung über die örtliche Politik zu informieren. Natürlich können und sollen so ein paar Spalten keine tiefer gehende Berichterstattung ersetzen. Nein, für so etwas soll natürlich gesorgt bleiben, vor allen Dingen in täglich erscheinenden Lokalzeitungen. Aber einen kurzen Überblick über das aktuelle Meinungsbild zu geben, das kann gerade zu denen Zeiten, in denen der Bürger nicht mit Parteiinfomaterial überschwemmt wird, von Nutzen sein. Und zu Wahlzeiten lange Programme zu lesen, auf denen nur Versprechen, aber kaum der aktuelle Stand von Projekten zu finden sind, das halte ich nicht für eine massentaugliche Lösung aller Informationsprobleme.

„Das ist doch alles nur Geschwätz!“, mag nun der eine oder andere rufen. Touché – aber dem bleibt immer noch, ins örtliche Rathaus zu gehen und sich dort tiefergehend zu informieren, Dokumente und Pläne anzusehen, oder auch einfach mal bei den entsprechenden Fraktionen anzurufen.

Fazit

Ich beschäftige mich viel damit, wie man „die Politik“ an den Mann bekommen kann. Das tue ich meistens auf europäischer Ebene – aber darüber hinaus sollte man die kleinste Ebene, die der Kommunalpolitik, nicht vergessen. Was Brüssel manchmal entscheidet, mag so manchem gar nicht auffallen, aber wenn er „auf einmal“ sehr viel Geld für den Neubau seiner Straße zahlen soll, das kommt schnell an. Und das entscheidet eben „die Politik da im Rathaus“. Auch um der Einspruchmöglichkeiten willen ist es von Vorteil, da rechtzeitig informiert zu sein. Umso besser, wenn das kaum Zeit kostet. Verunglimpfungen als „Käseblatt“ und dergleichen müssen kostenlose Zeitungen immer ertragen – aber der Reinbeker hat hier etwas Tolles in seinem Programm, das ich gerne an vielen weiteren Orten sehen würde. Weiter so!

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

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