Die Politikwissenschaftlerin in Brüssel

(Die Sitzverteilung des Europäischen Parlaments als Modell – Foto von mir)

Worum geht’s?

Die Politikwissenschaftlerin war unterwegs, und zwar in Brüssel. Ein Schelm, der denkt, es gäbe in Brüssel nicht viel zu sehen, vom Grand Place und dem Atomium einmal abgesehen. Und ja, die stehen natürlich bei jedem Besuch weit oben und sind ganz nett, aber doch nichts gegen die Europäischen Institutionen, oder?

In die Institutionen ohne vorherige Anmeldung hereinzukommen ist nicht einfach, und schon gar nicht zu einer Zeit, die jedem passt. Aber es gibt seit Mitte Oktober letzten Jahres zumindest vom Europäischen Parlament Abhilfe – das „Parlamentarium“ wurde eröffnet. Das Parlamentarium ist eine Ausstellung zum Europäischen Parlament, aber auch zur Europäischen Integration an sich.

Ehrensache, dass ich mir das Parlamentarium während meines Besuches in Brüssel angesehen habe.

Was meine ich dazu?

Das Parlamentarium ist eine schön gemachte Ausstellung, deren Besuch ich jedem empfehlen kann, um meine Gesamteinschätzung gleich vorwegzunehmen. Der Eintritt und der elektronische „Mediaguide“ sind kostenlos, weshalb sich auch ein kurzer Blick lohnt.

Gleich zu Anfang bekommt man einen Mediaguide, der einem an bestimmten Punkten kurz gehaltene Informationen ins Headset erzählt. Er „spricht“ übrigens alle Amtssprachen der Europäischen Union, so wie man es sich von einer Ausstellung einer Europäischen Institution wünscht. Um der Vielsprachigkeit Rechnung zu tragen, sind die meisten Informationstafeln interaktiv gehalten und müssen mit dem Mediaguide „aktiviert“ werden. Wieso? Na, damit sie die auf dem Mediaguide eingestellte Sprache anzeigen! Das ist sehr clever gemacht, wie ich finde.

(Eine der Informationstafeln – Foto von mir)

Abgesehen davon ist die Ausstellung in drei große Abschnitte geteilt. Im ersten läuft man durch einen Gang mit Zitaten zur europäischen Einigung – dieser Teil hat mir nicht so gut gefallen, da er für mich eher eine „Bleiwüste“ war und keine besonderen Informationen enthielt.

Im zweiten Teil geht es um den Verlauf der europäischen Integration. Auch eine „Bleiwüste“ – aber eben durch oben genannte interaktive Informationstafeln aufgelockert, auf dem auch kleine Videos zu den Ereignissen abrufbar sind (so ist es wunderschön anzusehen, wie die Schweden sich nach ihrem Beitritt freuen, ihre Fahne im Europäischen Parlament aufstellen zu dürfen). Auch viele Fotos zur allgemeinen Zeitgeschichte von den Römischen Verträgen bis heute sind zu bestaunen, und zu jedem kann über den Mediaguide eine kurze Erklärung abgerufen werden.

(Der Raum zur Europäischen Integration – Fotos von mir)

Der meiner Meinung nach beste Part kommt im dritten Teil der Ausstellung – die Erklärung des Parlaments mittels eines Videos. Klingt langweilig, ist es aber nicht – es ist ein 360°-Panorama-Video, in dem der Zuschauer quasi mittendrin sitzt, und es in einigen Sequenzen, in denen der Plenarsaal zu sehen ist, dies quasi auch tut. Des Weiteren ist das Video verständlich und spannend gemacht – und kommt wieder in der eigenen Sprache ins Headset, sollte man das englische Original nicht verstehen.

(Das 360°-Panorama-Video – Foto von mir)

Aber natürlich gibt es auch ein paar Sachen anzumerken. Zum einen das schon angesprochene „Bleiwüstenproblem“ – wer liest sich das alles durch? Ich jedenfalls nicht, und das liegt bei mir vor allen Dingen daran, dass ich mich in meinem Masterstudiengang damit rund um die Uhr beschäftigt habe. Ich kenne das also „alles“ schon – aber selbst wenn nicht, möchte sich wirklich jemand, den die Materie bisher eher am Rand beschäftigt hat, das alles ansehen? Ich behaupte einfach mal, dass da die Grenze der Aufnahmefähigkeit an Daten, Ereignissen und Personen schnell erreicht ist.

Auch gibt es keinerlei kritische Anmerkungen zur Institution oder Europäischen Union generell. Ja, es ist eine Ausstellung einer Europäischen Institution, aber so ganz unkritisch müsste das ja trotzdem nicht sein. Euroskeptische Meinungen fallen vollkommen hintenüber, und dass, obwohl es gar nicht mal so wenige euroskeptische Mitglieder im Europäischen Parlaments gibt. Aber wer weiß, vielleicht wird so etwas einmal nachgetragen.

Fazit

Das „Parlamentarium“ ist eine schöne Ausstellung, setzt aber eine Menge Wissen (oder zumindest sehr viel Ausdauer) voraus. Man wird von dem Raum zur Geschichte der europäischen Integration regelrecht erschlagen – natürlich macht es Sinn, die Geschichte an den Anfang zu stellen, aber ich glaube, dass ein eher „praktischer“ Zugriff, wie eben mit einem Film direkt zum Europäischen Parlament, förderlicher gewesen wäre. Auch die fehlende (Selbst-) Kritik stößt mir auf. Die Institution ist nicht ohne Fehler, denn ansonsten hätte sie ja über die Zeit nicht so viele Veränderungen durchgemacht. Aber das ist im Parlamentarium nur „Geschichte“, und kein Grund, darüber hinaus gehende Denkanstöße zu liefern.

Nichtsdestotrotz – ich empfehle jedem, der zufällig in Brüssel ist, mal gut ein bis zwei Stunden aufzuwenden und sich die Ausstellung mal anzusehen. Sie ist nicht nur für leidenschaftliche EU-Liebhaber interessant, sondern für jeden, der zumindest einen Eindruck gewinnen möchte, wer denn eigentlich „sein“ Mitglied des Parlaments ist und was der so treibt. Außerdem ist die Ausstellung erst ein paar Monate alt – wer weiß, was sich über die Zeit da noch alles verändert.

Worauf stützt sich dieser Blogpost?

Auf meine eigenen Erfahrungen.

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